Vater Unser – der Papst und die Diskussion

betende Hände
© Public Domain by Pixabay.com-Himsan

Aktuell wurde vom Papst eine erneute Diskussion über die Passage: „und führe uns nicht in Versuchung“ aus dem „Vater Unser“ / dem Mustergebet, welches Jesus seinen Jüngern lehrte, angestoßen. Wie man (zB hier) nachlesen kann, findet der Papst diese Stelle schlecht übersetzt. Er meint: „Und führe uns nicht in Versuchung“, wie es etwa in der deutschen und auch in der italienischen Version des Vaterunser heißt, sei „keine gute Übersetzung“, sagte der Papst in einem Interview mit dem italienischen Sender TV2000. „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ wäre besser, so Franziskus. „Ich bin es, der fällt, aber es ist nicht er, der mich in Versuchung geraten lässt.“ Ein Vater mache so etwas nicht. „Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“

Neu ist diese Diskussion eigentlich nicht. Ebenso wenig neu ist der ganze Unsinn, den Theologen diesbezüglich von sich geben. Aber nicht alle sind so. In Frankreich wurde z.B. wurde vor Kurzem ganz offiziell diese Passage geändert. Nun heißt die Bitte in Frankreich nicht mehr „…und führe/unterwerfe uns nicht Versuchung“, sondern frei übersetzt: „…lass uns nicht in Versuchung geraten.“
Das führt darauf zurück, dass diverse Sprachforscher auf diese fragwürdige Übersetzung hingewiesen haben. So z.B. der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide.
Er hat darauf hingewiesen, dass eine Rückübersetzung dieses Satzes ins Hebräische das Problem ganz einfach klärt. Das entsprechende hebräische Wort kann nicht nur „bringen“ bzw. „führen“, sondern auch „kommen lassen“ bedeuten. So wird es bis heute in den Synagogen verwendet, etwa im Abendgebet, wo es heißt: „Laß mich nicht kommen in die Gewalt der Sünde noch in die Gewalt der Schuld, noch in die Macht der Versuchung.“ Wenn Jesus das entsprechende Wort benützt hat, konnte er nur gemeint haben: „Laß uns nicht der Versuchung erliegen„.
Der heutige Wortlaut: „Führe uns nicht in Versuchung“, könnte demnach so entstanden sein, dass der Übersetzer ins Griechische, der mit den Anliegen Jesu nicht mehr ganz vertraut war, das betreffende Wort einfach mit seiner gängigsten Bedeutung wiedergegeben hat. Quelle

Hier sind wir nun an dem wesentlichen Punkt der Kritik angelangt. Und an dem Punkt, wo erkennbar wird, dass sehr viele Kommentatoren, seien es theologische Laien oder Profis, großen Unsinn von sich geben, wenn sie die bisherige Übersetzung als Richtig deklarieren. Die Profis berufen sich auf den griechischen Text, auf dem die Bibelübersetzungen beruhen. Doch Pinchas Lapide wies bereits nach, dass Jesus mit dem „Vater Unser“ nichts Neues erfunden, sondern gängige jüdische Gebete neu kombiniert hat. Demnach muss dieses Gebet auch aus dem Jüdischen verstanden werden. Das heißt, dass der zugrundeliegende griechische Text bereits eine Übersetzung der originalen Rede Jesu ist. So wie jede Übersetzung fließt hier auch schon die persönliche Überzeugung und die sprachlichen Probleme des Übersetzers in die Übersetzung ein. Diese Probleme hatte auch Luther. Insbesondere mit dem Hebräischen. Deshalb macht die Mühe der Rückübersetzung der biblischen Texte ins Hebräische durchaus Sinn.

Anscheinend gab es eine solche Diskussion bereits zu der Lebenszeit des Jakobus, Schreiber des neutestamentlichen Briefs. Denn dieser beginnt seinen Brief gleich mit dem Thema Versuchung und schreibt:
Jak 1:13  Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand. 14 Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. (Rev. Elberf.)
Geht es eigentlich noch deutlicher? Ich meine Nein. Da helfen auch die sichtlichen Bemühungen mancher Theologen nichts, die sich auf die Passage berufen, wo der Geist Gottes Jesus in die Wüste führt, in der Er auch versucht wurde. Hier steht in den Übersetzungen:
Mt 4:1 Dann wurde Jesus von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt, um/auf dass er von dem Teufel versucht zu werden (Rev. Elberf. / Luther / u.a.)
Das griech. Wort hupo, welche so übersetzt wird, bezeichnet aber eigentlich einen Ort wo etwas geschieht, nicht damit etwas geschieht. So müsste hier eigentlich so übersetzt werden: „Mt 4:1 Dann wurde Jesus von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt, wo er von dem Teufel versucht wurde“
Jesus wurde vom Geist Gottes nicht in die Wüste geführt, damit er dort vom Teufel versucht würde, sondern damit er dort in der Abgeschiedenheit fastet und betet. Denn das hat Jesus 40 Tage lang getan, bevor Satan auftritt. Schon abenteuerlich, wie Bibelübersetzer mal eben die Hauptbeschäftigung Jesu in der Wüste zugunsten eines spektakulären Ereignis am Ende dieser Zeit übersehen. Ok, Jesus war öfter zum Fasten und Beten in der Wüste. Daher macht dieser Hervorhebung ja auch Sinn. Nur eben nicht „damit“, sondern „wo“ Jesus versucht wurde.
Somit ist die Berufung der Theologen auf diese Stelle zur Verteidigung der fragwürdigen Übersetzung, samt den darauf folgenden abenteuerlichen theologischen Erklärungsgebäude, schlicht Unsinn und Zeugnis von mangelnder Qualifikation.

In einigen Diskussionen um diese Bibelstelle und um das Thema Versuchung habe ich festgestellt, dass solche Übersetzungen tatsächlich das Gottesbild der Gläubigen nachhaltig beeinflusst. Ein Gott der uns angeblich prüfen/testen muss. Ein Gott der uns direkt in das Übel der Versuchung führt, statt uns davor oder wenigstens darin zu bewahren… was für ein übler, launenhafter Gott muss das sein. (Hier mal ganz vom Thema „Zorn Gottes“ zu schweigen, über den noch viel mehr Blödsinn unterwegs ist.)
Nein, so ist unser Gott ja eben nicht! Darauf hinzuweisen und entsprechende Bibelübersetzungen als so schlecht zu bezeichnen, wie sie nun einmal sind, ist absolut richtig. Als Nichtkatholik bin ich einmal mehr dem jetzigen Papst Franziskus dankbar für das, was er an Diskussion anstößt.
Wenn eine Neuübersetzung dieser Passage Probleme bei der ach so heiligen Liturgie erzeugt, kann das ja auch nicht verkehrt sein. Das bringt die Beter dazu, wieder einmal darüber nachzudenken, was sie da so routinemäßig im Gottesdienst herunterplappern. Wenn die Liturgie heiliger wird, als unser Gott, zeichnet sich damit eh eine eklatante Schieflage ab, die besser behoben werden sollte.

So danke ich nun Gott, der so ist, wie Er eben ist. Mein Gott, der mich auch in Zeiten der Versuchung nicht alleine lässt. Der in Jesus selbst erfahren hat, wie es ist versucht zu werden und der mir im Angesicht meiner Feinde einen festlichen Tisch deckt.

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

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