Neigung zum Extremismus – Dummheit oder Charakter?

braunes Hirn
Grundbild aus openclipart.org

Seit längerem beschäftigt mich die Tatsache, dass man Menschen, welche an Verschwörungstheorien, an Geheimwissen, an Populismus, etc. glauben, kaum mit Fakten und Wissen beeindrucken kann. Ich habe es wahrlich oft versucht, solchen Menschen mittels detailliertem nachvollziehbaren Wissen aufzuzeigen, dass ihre kruden Theorien schlicht Unsinn sind. Es hat oft nichts geholfen. Zur Zeit mache ich ähnliche Erfahrungen rund um die braune Propaganda und deren leichtgläubigen Jüngern.

Nun aber las ich einen Blogartikel auf Pschologie-Heute, welcher eine Erklärung anbietet. Sein Titel: „Kann denn Dummheit Sünde sein?“
Darin beschäftigt sich der Autor Heiko Ernst mit der Theorie, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien und solchem Populismus wie bei Pegida und Co. glauben, dies aus einer Charakterveranlagung tun und nicht aufgrund von mangelndem Wissen oder mangelnder Bildung.

Zunächst verweist er auf zwei gängige Theorien:

Eine gängige Theorie über Verschwörungstheorien lautet, dass manche Menschen ihnen deshalb verfielen, weil sie zu wenig richtige oder relevante Informationen hätten. Man müsse sie nur beharrlich aufklären, sachlich mit ihnen argumentieren, ihnen Zugang zu den Quellen des Wissens verschaffen, dann könne man sie auch bekehren. Dieses rationalistische Modell unterstellt: Wer absurden Ideen anhängt, ist gewissermaßen das Opfer eines Mangels (an Informationen) oder einer bestimmten Lebenssituation (die ihn „besorgt“, ängstlich oder wütend macht und ihm deshalb den Blick trübt).

Die situationistische Sozialpsychologie ähnelt dem rationalistischen Standpunkt darin, dass sie den Einzelnen entlastet – er denkt dumme oder absurde Dinge, weil er möglicherweise von Freunden beeinflusst wird, oder weil es ihm gerade nicht gut geht. In vielen Experimenten wird der Einfluss solcher Faktoren auf Denken und Handeln gezeigt: Wenn wir selbst unter Druck stehen, sind wir weniger bereit, anderen zu helfen. Und Konformitätsexperimente zeigen, dass wir uns bereitwillig einer Mehrheitsmeinung oder den Ansichten einer für uns relevanten Gruppe anschließen. Dennoch: Situationen und Gruppen erklären manches, aber längst nicht alles.

Diese waren mir schon bekannt und ich meine oder hoffe zumindest, dass da Wahrheit drin ist. Doch meine Erfahrungen sind eben doch anders.

Dann zeigt er die Forschungen von der amerikanische Philosophin Linda Zagzebski (in ihrem Buch Virtues of the mind) auf und stellt fast:

Denkfaulheit, Ungenauigkeit, Engstirnigkeit und Vorurteile sind „intellektuelle Sünden“, schreibt die amerikanische Philosophin Linda Zagzebski (in ihrem Buch Virtues of the mind). Und dazu zählt sie auch Starrheit des Denkens, intellektuelle Gleichgültigkeit und mangelndes Verantwortungsgefühl für die eigenen Denkweisen und -ergebnisse. Diesen „Denksünden“ stellt Zagzebski die Denktugenden gegenüber: Bescheidenheit, Vorsicht, Sorgfalt (in der Interpretation von Informationen und deren Quellen), Neugier (ich will mehr darüber wissen), Zweifel.

Es ist also nicht wirklich sinnvoll, auf die Gründe einzugehen, die jemand für seine krausen Ideen anführt. Denn diese „Gründe“ sind intellektuell kaum satisfaktionsfähig. Sie basieren nicht auf Fehlinformationen oder auf einer (zu korrigierenden) selektiven Wahrnehmung. Sie sind im Charakter des Verschwörungstheoretikers zu suchen. …

Die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien ist also viel komplizierter, sie sind nicht mit geduldiger Richtigstellung und noch mehr Fakten zu widerlegen. Wie jemand denkt, wie er Informationen aufnimmt und verarbeitet und welche Schlüsse er daraus zieht – das ist zum großen Teil situationsunabhängig. Ob jemand zwischen Fakten und Beweisen einerseits und wilder Spekulation andererseits unterscheiden kann (oder will), ist Ausdruck seiner Persönlichkeit, seines Denkstils. Wer sich nicht mehr die Mühe macht, seine Thesen ab und zu zu überprüfen und weiterzudenken, läuft Gefahr, eine regelrechte „Verschwörungsmentalität“ auszubilden, wie selbst situationistische Sozialpsychologen zugestehen.

Demnach ist die mentale Leistungsfähigkeit des Gehirns und der Charakter des Menschen die eigentliche Grundlage dafür, solchen Ideen nachzuhängen. Wenn dem tatsächlich so ist, hat es tatsächlich wenig Aussicht, dem mit fundierten Wissen zu begegnen. Weil daran eben kein echtes Interesse besteht. Es geht nicht um Fakten, es geht um ganz andere Bedürfnisse, die mit dieser Art des Denkens Erfüllung suchen.

Zuletzt erläutert der Autor noch, dass die Dummen eben nicht wissen, dass sie dumm sind.

Freiwillige Dummheit und erworbene Engstirnigkeit immunisieren gegen Vernunft, gegen Zweifel und Argumente. Hinzu kommt der Dunning-Kruger-Effekt, benannt nach zwei Sozialpsychologen. Er besagt, dass die Dummen in der Regel nicht wissen, wie dumm sie sind. Im Gegenteil: Sie sind sich ihrer Sache meistens sehr sicher und überschätzen ihre intellektuelle Kompetenz.

Umgekehrt gilt: Je klüger jemand ist, desto mehr lässt er Zweifel zu und bemüht sich um tieferes Verständnis der Materie. Closed-mindedness/Open-mindedness (Engstirnigkeit/Offenheit) ist inzwischen unumstritten eine der „großen fünf“ Persönlichkeitsdimensionen, in denen sich Menschen wesentlich unterscheiden. Denkgewohnheiten gehören zu den wichtigsten „Bausteinen“ unserer Persönlichkeit. Wir sind dafür verantwortlich, wie wir in wichtigen Situationen oder Fragestellungen denken. Es liegt bei uns, ob wir uns ein Gegenargument anhören, ob wir in einer Angelegenheit, über die wir eine Meinung äußern, wirklich auf den Grund gehen und uns nach Kräften informieren, ob wir Zweifel zulassen und die Unsicherheit des Noch-nicht-Wissens eine Weile aushalten können. Unsere Ideen sind eben nicht nur „Ansichtssache“, sondern auch eine Frage des Charakters.

Tatsächlich meinen diese Menschen im Besitz der wirklichen Wahrheit, der Wahrheit hinter den Meldungen zu sein. Genau das scheint ihnen eine nicht unerhebliche Immunität gegenüber Fakten zu geben. Wer ja schon im „Besitz der Wahrheit“ ist, braucht diese auch nicht weiter zu hinterfragen. Dabei geht auch völlig unter, dass sie in ihrer Ablehnung der Medien, doch nur wieder Medien aufgesessen sind, die sehr einseitig informieren.

Mir erscheint das Gruppenverhalten in dieser Frage auch noch erheblich zu sein.
Es ist leicht zu beobachten, dass der Großteil der Anhänger solcher kruden Theorien sich tatsächlich nicht wirklich mit den Theorien und Parolen auseinander gesetzt haben. Sie übernehmen nur, was ihnen durch Andere präsentiert wird. Sogenannte „Mitläufer“. Immer wieder konnte ich beobachten, dass nicht wenige durch die Präsentation von ein paar breiteren Fakten so verunsichert wurden, dass sie das Gespräch einfach abbrachen oder sich hilfesuchend nach ihren „Wissenden“ der Gruppe umschauten.
Der Zusammenhaltseffekt solcher Gruppen mit angeblichen „Geheimwissen“ und dem angeblichen „großen Durchblick“ ist nicht zu verachten. Der Einzelne erfährt eine enorme subjektive Selbstwertsteigerung, Mitglied dieser verschworenen Truppe zu sein. Das „Wir“ wird dort stark und der Einzelne braucht sich nicht selbst darum zu bemühen, seinen sozialen Stand durch mühsam zu erwerbendes Wissen aufzuwerten. Teil dieser Gruppe zu sein, vermittelt eben auch das Gefühl dort vor den Unsicherheiten des Lebens gut verborgen zu sein. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen machen diesen Reiz der Gruppe aus.

Wie ist es aber nun?
Hilft hier wirklich keine Wissensvermittlung weiter? Hilft auch die ausgestreckte Hand des Gemeinschaftsangebots nicht weiter? Trennen hier grundlegende Charaktereigenschaften die gesellschaftliche Gruppen und die Dummheit ist tatsächlich nicht auszurotten?

Was meinen Sie?

Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

4 Kommentare zu „Neigung zum Extremismus – Dummheit oder Charakter?“

  1. Zum Einen scheint mir ein genereller medialer Trend vorzuliegen, der in ganz weiten Teilen der Bevölkerung die Nachfrage nach einfachen Informationen Stück für Stück erhöht: http://www.aerar.de/2015/11/evidenzbasierte-politik/ .Selbst dann, wenn diese Informationen nicht die (ganze) Wahrheit darstellen.

    Verwunderlich ist das nicht, denn der Zugang zu Informationen und auch das Veröffentlichen von Informationen ist über die Jahre so einfach geworden, dass sich auch verständige Menschen schwer tun, eine Übersicht über alle Inhalte und nicht zuletzt auch in Ihre Wichtigkeit zu behalten.

    Eventuell kann es helfen, der mangelnden Information bzw. der Desinformation entschieden, aber mit einfachen, nachvollziehbaren Wahrheiten entgegenzutreten, denn wer falsches glauben will, tut dies oft, weil er nicht weiter „belästigt“ oder verwirtt werden will. Eine detaillierte Diskussion kann sich danach immer noch anschließen.

    Eine ausgestreckte Hand und ein Gemeinschaftsangebot werden in jedem Fall helfen. Dem wem man vertraut und schätzt, wird man auch eher zuhören.

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    1. Danke für diese Reaktion.

      Tatsächlich muss man ja auch nicht alles wissen. Dann sollte man auch zu sich selbst so ehrlich sein, dass man eben nicht im Besitz der „vollständigen Wahrheit“ ist und man ggf eben über nicht genug Wissen verfügt, um eine so harsche Meinung zu vertreten. Das würde bewirken können, dass man eher bereit ist zuzuhören, seine Standpunkte immer wieder zu hinterfrage und ggf zu ändern.
      Aber selbst dieser einfache Schritt ist bei den Menschen, die solchem Denken anhängen, zumeist nicht zu finden.

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  2. In jedem Fall ist das natürlich auch immer ein guter Anlass, einmal sein eigenes Wissen zu hinterfragen. Wenn jemand allerdings nicht in der Lage ist, dies zu tun, hilft es meiner Meinung zu versuchen, irgendwo überhaupt einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, den man teilt. Danach lohnt es sich meist erst anzufangen, die offensichtlichen Widersprüche in der Argumentation des anderen aufzugreifen.

    Zumindest ist es nach meiner Erfahrung so, dass Wissensresistente sich umso mehr in eine Verweigerung begeben, je komplizierter und detaillierter die Fragestellung wird. Denn es ist soviel einfacher, einfach „Lügenpresse“ zu rufen und damit jede Diskussion automatisch „gewonnen“ zu haben. Wenn man jedoch beim Nachvollziehbaren, einfachen beginnt, geht es um unmittelbare Wahrheiten, die sich weniger leicht verleugnen lassen.

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  3. Also manchmal …😦
    Da bewertet Jemand auf Google+ den Link zu diesem Beitrag hier mit einer 1+. Schaue ich jedoch auf seine Seite dort, postet er genau den Verschwörungsblödsinn, den ich hier angeprangert habe.
    Ehrlich, muss man das noch verstehen?

    Nun ja, das passt dann ja zu dem Punkt: „Die Dummen wissen nicht, dass sie dumm sind“ – befürchte ich.

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