Warum manche den Glauben an Gott verlieren

© Charly Lücker
© Charly Lücker

Vor einem Jahr entspann sich unter Christen eine Diskussion über ein Experiment, welches der amerikanische Expastor Ryan Bell öffentlich im Internet begann. Dazu hat er einen speziellen Web-Blog gestartet:  www.yearwithoutgod.com. Er wollte das Experiment wagen, ein Jahr wie ein Atheist zu leben. Nun ist das Jahr herum und die kaum erstaunliche Nachricht erreicht den interessierten Leser, dass dieser Expastor nun auch ein Exchrist ist. Er beschreibt sich nun als „Humanisten und agnostischen Atheisten“.

Warum wundert mich das nicht und warum war schon bei Beginn dieses Experiments sehr wahrscheinlich, was am Ende dabei herauskommen würde?
Um das herauszustellen, müssen wir uns die Gesamtsituation Bells genauer anschauen. Das bietet sich hier an, da er selbst diese Informationen freizügig auf seinem eigenen Blog dargestellt hat. Dabei werden wir feststellen, dass sein Beispiel exemplarisch für viele Christen steht, welche in bestimmten Situationen mit ihrem Glauben an Gott mächtig hadern oder ihn gar verlieren.  Dennoch werden wir alle Beweggründe Ryan Bells hier auch nicht nachvollziehen oder bewerten können oder wollen. Seine Geschichte bietet sich einfach nur an, Faktoren zu betrachten, die viele Glaubensabfälle zumindest nachvollziehbar machen.

Vorausschicken möchte ich, dass ich diese Betrachtung als ein Christ schreibe, der selbst mehrere Lebenskrisen erlebt hat, dabei aber in meinem Glauben weder ins wanken, noch in eine Glaubenskrise gekommen bin. Dennoch haben diese Lebenskrisen meinen Glauben an Gott massiv geprägt. Ich möchte festhalten, dass dies in meinem Fall nicht darauf basiert, dass ich meinen Glauben an Gott eh nur oberflächlich leben würde. Das genaue Gegenteil ist der Fall, dennoch lebe ich keinen fanatischen Glauben. Ich weiß also aus eigenem Erleben, welche Stürme ein Christ in seinem Glaubensleben erfahren kann. Zudem habe ich nicht wenigen interessiert zugehört, wenn sie detailliert über ihre Glaubenskrisen und -zweifel berichtet haben.

Was war der Hintergrund für Bells Experiment?
Ryan Bell wuchs in einem christlichen (methodistischen) Elternhaus auf und wurde dann Adventist. Als solcher wurde er dann Pastor und war darin acht Jahre tätig. Im März 2013 dann wurde er von der Kirchen- / Gemeindeleitung aufgefordert sein Pastorenamt niederzulegen. Denn er trat zuvor immer intensiver für die Frauenordination und die Rechte Homosexueller in seiner Kirche ein. Im Zuge dieses Geschehens zerbrach auch seine Ehe, die 17 Jahre angedauert hat und aus der er eine 13jährige Tochter hat. Im Dezember, also neun Monate später, startete er sein Atheisten-Experiment. Inzwischen ist der Geschiedene mit einer gläubigen Christin liiert, welche seinen neuen Lebensweg toleriert.

Man kann also für ihn festhalten, dass er seinen Glauben als Kind in seinem Elternhaus kultiviert hat. Meines Wissens nach hat er keine Phasen durchlebt, wo er mit seinem Kinderglauben gebrochen und einen eigenen entwickelt hat. Sein Weg führte ihn auf recht gerader Linie zu seiner Arbeit als Pastor. Erst als ein solcher fing er an, Überzeugungen seiner Denomination, die er zuvor geteilt hatte, zu hinterfragen. Er durchlebte, wenn man so will, dort schon eine anfängliche Krise in seinen Überzeugungen. Welche in sich durchaus nicht als negativ betrachtet werden sollte, sondern evtl. einfach längst überfällig war.
Dazu glitt er immer weiter in eine soziale Krise. Innerhalb seiner Kirche wurde er zunehmend zum Außenseiter. Seine Ehe litt zusehends und zerbrach letztlich. Er verlor dann auch noch seine Arbeit und musste sich beruflich völlig neu orientieren. Bedenkt man, dass er heute 43 Jahre alt ist, kann man klar sagen, dass er massiv in seiner Midlifecrisis gelandet ist.

An diesem Punkt seines Lebens angelangt, entscheidet er sich nicht nur seinen Glauben gründlich zu hinterfragen, sondern er macht daraus auch noch ein öffentliches Projekt, welches in der gesamten Welt Aufmerksamkeit erregte. Er entschied sich hier nicht dazu, alle möglichen Glaubensgrundsätze und -aussagen neu zu hinterfragen (wie ich es selbst an vielen Stellen getan habe), sondern er entschied sich dazu, wie ein Atheist zu leben und nicht weiter in der Bibel zu lesen, zu beten und andere typisch christliche Gewohnheiten zu pflegen. Er entschied sich ein Jahr lang nur glaubenskritische Literatur zu lesen, entsprechende Veranstaltungen zu besuchen und sich mit entsprechenden Menschen zu umgeben.

Die allermeisten, welche, nach ihrem eigenen bekunden, ihren Glauben an Gott verloren haben, berichten, dass dies durch Lebenskrisen angestoßen wurde. Das was mir bei genauer Betrachtung ihrer Geschichten häufig auffällt, ist dass sie auf ein brüchiges Glaubensfundament gestoßen sind. Ein Glaubensfundament, welches über all die unterschiedlichen Personen mit ihren individuellen Geschichten hinweg eine Gemeinsamkeit aufzeigt: Dieser Glaube war in der Regel weit mehr auf Prägung durch Erziehung, Traditionen und Religionsüberzeugungen aufgebaut, als durch intensive subjektive Erlebnisse und Begegnungen mit Gott selbst. Hinzu kommt, dass dieses Glaubensfundament oft aus der Kindheit übertragen wurde.
Ich selbst habe zum Vergleich erst mit 18 Jahren durch eine Gottesbegegnung zum Glauben gefunden. Davor hatte ich mit jedweden Glauben nichts am Hut. Ich habe also mein Glaubensfundament hauptsächlich auf dem eigenen Erleben Gottes aufgebaut. Daher zerbrach mein Glaubensfundament nicht, als ich in Krisen geriet und viele gelernte Überzeugungen kritisch in Frage gestellt und neu erarbeitet habe.

Die Relevanz worauf das eigene Glaubensfundament aufgebaut ist, ob nun auf religiösen Überzeugungen und Traditionen oder auf den persönlichen Begegnungen und Umgang mit Gott selbst, zeigt sich eigentlich in allen Geschichten von Christen, die in Lebenskrisen geraten. Wobei man hier festhalten muss, dass es keine scharfe Trennung zwischen diesen beiden Möglichkeiten gibt, sondern dies bei Jedem individuell variiert. Doch letztlich scheint dies eines der wichtigsten und ausschlaggebenden Faktoren zu sein, welche darüber den Ausschlag geben, ob der Christ vom Glauben abfällt oder nicht.

Auf welcher Basis der eigene Glaube ruht ist auch mit entscheidend, welche Wege man in einer Krise bereit ist einzuschlagen. Ich halte es für geradezu absurd anzunehmen, dass ein Christ, welcher seinen Glauben aufgrund seiner Gottesbegegnungen lebt, auf die Idee kommen könnte, ein Jahr lang wie ein Atheist zu leben. Wie will man angesichts einer real erfahrenen Person, welche nicht einfach aus meinem leben verschwindet, so leben, als würde diese nicht existieren? Angesichts einer Religion, welche auf Überzeugungen, Lehren und Traditionen existiert, halte ich das wiederum für leicht vorstellbar.
Es ist eben ein eklatanter Unterschied – wenn man dieses Experiment einmal auf eine Ehe überträgt – ob man versucht in der ehelichen Wohnung, angesichts der täglichen Begegnungen mit dem Ehepartner, so zu leben, als existiere dieser Partner nicht, oder ob man ohne jedwede Berührung mit dem Ehepartner versucht so zu leben, als gäbe es das Prinzip der Ehe nicht.

Auch der Abbruch sozialer Bindungen, hier insbesondere gemeindlicher Bindungen, ist letztlich für den Erhalt des eigenen Glaubens nicht ausschlaggebend, wenn dieser auf der Basis des persönlichen Umgangs mit Gott basiert. Auch dann nicht, wenn dieser Abbruch durchaus schmerzhaft erlebt wird. Wo hingegen Christen stark mit ihrem Glauben hadern, weil die sozialen Beziehungen zu der Gemeinde und Glaubensgeschwistern zerbrechen, findet sich mit großer Regelmäßigkeit der Umstand, dass die Glaubensbasis tatsächlich (auch wenn zuvor anders vermutet) mehr auf religiöse Aspekte aufbaute als auf dem persönlichen Umgang mit Gott. Da stellt dann der eine oder andere Christ mit Erstaunen fest, dass sogar intensive Anbetungserfahrungen eher subjektiver Ausdruck religiöser Erfahrungen war und nicht etwa, wie angenommen, auf intimen Begegnungen mit Gott basierte. Verzückungserfahrungen im religiösen Umfeld sind regelmäßig und Religionsübergreifend zu finden. Diese sollten auch kritisch daraufhin hinterfragt werden, ob sie tatsächlich auf einer echten Gottesbegegnung basieren.

Ich spreche hier also klar über die Stabilität des Glaubensfundaments von Christen auf der Beziehungsebene. Es wäre fahrlässig hier nicht all die psychologischen Aspekte der individuell erworbenen Bindungsfähigkeit des Gläubigen mit zu betrachten. Natürlich ist es auch möglich, dass sich der Christ um die persönliche Beziehung zu Gott bemüht hat, aber darin durch erworbene Beziehungsstörungen darin behindert wurde. So wie Menschen mit Bindungsstörungen sich auch intensiven Beziehungsangeboten entziehen, ohne es wirklich zu wollen, kann das auch im Umgang mit Gott erlebt werden. Vieles spielt hier mit hinein. Z.B. auch die Frage, wieviel Zeit und Gelegenheit die individuelle Beziehung zu Gott hatte um zu wachsen und an Stabilität zu gewinnen. In dieser Frage kann das eingebunden sein in gemeindlichen Aktivitäten sowohl Hilfe als auch Hindernis sein.
Das vermittelte Gottesbild, ob nun durch Eltern oder Gemeinde, spielt auch eine wichtige Rolle. Einem strengen, kontrollierenden und strafenden Gott oder einem Gott, welcher nur am Rande, weit entfernt am Glaubenshorizont gegenwärtig ist entzieht man sich deutlich leichter, als einem Gott, welcher echtes, durch Liebe und Barmherzigkeit geprägtes persönliches Interesse am Gläubigen selbst erfahren lässt.

Es wäre also falsch pauschal annehmen zu wollen, dass ein Christ, welcher von seinem Glauben abfällt, nur eine Form einer Religiosität gelebt hätte. In vielen Fällen findet sich eher ein recht komplexer und individueller Hintergrund.
Doch wenn man einem Christen begegnet, welcher bereit ist sich den Hintergründen seiner Glaubenskrise ehrlich zu stellen, entfalten sich diese oft als garnicht so geheimnisvoll oder mit zwingender Folge. Nicht selten findet sich in groben Zügen das wieder, was ich in diesem Text als Anregung anfänglich dargestellt habe.

Als Mahnung, das eigene Glaubensfundament durchaus kritisch zu betrachten und auszubauen, möchte ich eine Feststellung des Schreibers des Hebräerbriefs anführen:
Heb 6:4 Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind 5 und das gute Wort Gottes und die Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben 6 und doch abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie für sich den Sohn Gottes wieder kreuzigen und dem Spott aussetzen. (Rev.Elb.)
Der Schreiber des Hebräerbriefs widmet sich diesem Thema im Brief an verschiedenen Stellen unter unterschiedlichen Aspekten. Dabei geht er nicht immer von einer Unmöglichkeit aus, diesen Strauchelnden zu erreichen. Ich gehe auch davon aus, dass er immer von der menschlichen Möglichkeit, solche zu erreichen, gesprochen hat. Denn dem will ich unbedingt ergänzend hinzufügen, was Jesus selbst im Zusammenhang mit Reichen und dem Reich Gottes gesagt hat:
Mt 19:25 Als aber die Jünger es hörten, gerieten sie ganz außer sich und sagten: Wer kann dann errettet werden? 26 Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. (Rev.Elb.)
und
Joh 6:44 Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag. (Rev.Elb.)

Es ist nicht der Erfolg unserer persönlichen Bemühungen oder der Bemühungen anderer, ob wir zu Jesus finden. Ohne dass der Vater selbst uns zieht, haben wir eigentlich nicht einmal einen Antrieb ihn zu suchen. Aber dieser Vers sagt eben auch, dass es um ein Beziehungsgeschehen zu Gott Vater und Sohn (und Hlg. Geist) geht und nicht um religiöse Überzeugungen, wenn wir die Frage nach einem stabilen Fundament unseres Glaubens stellen.

Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

2 Kommentare zu „Warum manche den Glauben an Gott verlieren“

  1. Danke Charly!
    Mir stellt sich da – mal wieder – die Frage: Was ist gesunder Glaube und worin wurzelt er?
    Und vor allem: Was davon ist im christlichen Gemeinden im Bewusstsein verankert?
    Ich habe nämlich den Eindruck, dass das seit Jahrzehnten (oder schon länger) durch die Mehrheit sträflich vernachlässigt wird.

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    1. Hallo Tine,
      das ist die Frage, was ein gesunder Glaube ist und worauf er wurzelt. Meine Sicht dazu habe ich im Artikel ja schon beschrieben.
      Hier mal meine Kurzfassung:

      Gesunder Glaube: Da reduziere und entmystifiziere ich den Glauben im besten Sinne der Bibel auf das Vertrauen zu der konkreten Person Gottes. Denn das ist die eigentliche Bedeutung des hebr. und griech. Wortes, welches wir mit „Glauben“ übersetzen – schlicht „Vertrauen“.

      Worin wurzelt der gesunde Glaube: In der gelebten Beziehung zu Gott. Diese wird durch eine ganze Reihe anderer Dinge gestützt – wie zB das Wort Gottes. Doch der Kern ist die Beziehung zu Gott.

      Ich befürchte, dass in vielen (den meisten??) chr. Gemeinden dies nicht wirklich bewusst ist und geübt wird. Selbst dort, wo die Beziehung zu Gott deutlich proklamiert wird, stoße ich so oft nur auf vorgegebene Formen und Rituale. Eine Gemeinde, in der die Beziehung zu Gott wirklich gelebt wird, müsste sich ja dadurch auszeichnen, dass seinen Mitgliedern darin eine große Freiheit im Vertrauen auf Gott gegeben wird. Dem Vertrauen in Gott, dass ER den größten Anteil an der Bildung des Gottesverständnis haben wird und die Gemeinde nicht das Zentrum des Glaubens ist, sondern die Beziehung mit Gott. Die Gemeinde muss sich dann als wichtige Stütze und Orientierungshilfe im Umgang mit Gott verstehen. Und eben nicht mehr.

      Ich weiß aus Erfahrung, dass selbst dann, wenn die Leitung einer Gemeinde dies mit ihren Mitgliedern üben will, es nicht lange dauert bis sich dort Jemand einfindet, der den Mitgliedern erzählt, wie wichtig „die richtigen“ Formen und Riten seien. Jemand, der sich alle Mühe gibt, die Freiheit die eigene Beziehung mit Gott zu stärken unter Regeln und Programme zu ersticken. Und das wird oft als Nachvollziehbarer empfunden, weil Formen, Riten und Programme anscheinend sicherer Halt bieten, als die mühsame Arbeit der Beziehungsbildung zu Gott.

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