Gewalterfahrung von evangelikalen Kindern II

Schatten eines Kindes
© Stephanie Hofschlaeger / Pixelio.de

Zur Zeit melden die Medien, dass das Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Informationen über eine Studie zu Gewalterfahrungen über Christliche Religiosität und elterliche Gewalt verbreitet. Diese ist bisher nicht auf der Homepage der KFN zu finden, aber auf einer Seite des NDR. Hier die aktuelle Studienzusammenfassung zum Download.

Wie ich es schon 2010 in einem Blogbeitrag zu der damaligen Veröffentlichung der damaligen Studie schrieb, ist auch hier wieder keine seriöse Wissenschaftlichkeit zu finden. Dafür aber wieder einmal steile Aussagen und Behauptungen, die letztlich durch die Studien nicht zu belegen sind. Ich zeigte in meinem damaligen Blogbeitrag schon auf, dass allein die Fragestellung nicht dazu geeignet ist, fundierte Aussagen zu dieser Thematik zu machen. Nach meiner Ansicht ist die Fragestellung eher lächerlich als irgendwie geeignet, um relevante Aussagen daraus zu ziehen. (Näheres dazu in meinem damaligen Blogbeitrag) Da die Fragestellungen auch in einer neueren Studie nicht verbessert wurden – da es de facto garkeine spezielle Studie zu diesem Thema gegeben hat – sind die gegebenen Antworten ebenso fragwürdig und im Grunde abzulehnen.

Die KFN hat nicht einmal soviel Seriosität bewiesen, dass sie sich Mühe gegeben hätte, sauber zwischen verschiedenen Kirchen zu unterscheiden. Dies wird auch völlig zurecht durch die Vertreter der deutschen evangelischen Freikirchen bemängelt. Fakt ist, dass hier durchaus Aussagen über extreme chr. Sekten als Standard für evang. freik. Gemeinschaften gewertet werden könnten. Es findet eben keinerlei Unterscheidung statt. Für mich sagt diese Unterlassung allerdings sehr viel dazu aus, wie seriös eine solche Studie und die daraus gezogenen Behauptungen überhaupt sein kann.  Da die Anzahl der tatsächlich betroffenen Kinder so gering ist, dass diese nicht seriös als Aussagekräftig gelten kann, machen die gezogenen Schlüsse nochmal weniger Sinn. Nichts desto trotz ergeht sich die KFN in ärgsten Unterstellungen.

In der Studie ist folgende Aussage zu finden:

Damit stellt sich die Frage, warum bei den evangelisch-freikirchlichen Familien mit zunehmender Religiosität der Anteil der Kinder deutlich ansteigt, die massive innerfamiliäre Gewalt erlebt haben. Pinker‘s (2011) vorgelegte Analyse zur Kulturgeschichte der Gewalt bietet hierzu eine mögliche Erklärung.

Das heißt: Die Studie selbst erfragt diesen Hintergrund erst garnicht. Ein solcher Rückschluss, aus einem Buch, welches sich mit einer eigenen Thematik befasst, ist seriöserweise nicht zulässig. Es sei denn, die Studie hinterfragt nochmals die Aussagen dieses Buchs – was aber nicht der Fall ist. Da dem Leser dieser Studie das Buch nicht zum Nachlesen zur Verfügung steht, bleiben diese Aussagen fragwürdig. Denn ob der Autor eine Analyse der heutigen Lage in Deutschland gemacht hat, bleibt im Dunklen. Hätte dieser diese Analyse gemacht, wozu dann noch diese Studie?

Ein weiteres Zitat aus der Studie:

Im Vergleich dazu fallen die klaren Trends, die sich aus den Antworten der Mitglieder von evangelisch-freikirchlichen Gemeinden ablesen lassen, völlig aus dem Rahmen. Sie sprechen dafür, dass in einem beachtlichen Teil solcher Gemeinden die Eltern dazu aufgerufen werden, in der Erziehung ihrer Kinder Schläge gezielt einzusetzen.

Wie bereits festgestellt: es ist nicht geklärt, wer diese „evangelisch-freikirchlichen Gemeinden“ tatsächlich sein sollen. Und weiter: Diese, mehr wie unzureichenden Fragestellungen sollen in der Lage sein, diesen Rückschluss zu ziehen? Es wurden in den Studien keinerlei Fragen dazu gestellt, woher die Eltern ihre Erziehungsvorstellungen beziehen. Keine Frage zu den Grundlagen der Erziehung etc. Woher also diese steilen Aussagen? Die Realität, welche leicht zu ergründen ist, zeigt hingegen auf, dass diese Behauptung, in ihrer Pauschalität, kaum weiter von der Realität entfernt sein kann.

Ein weiteres Zitat:

Einen Beleg für die These, dass eine derartige Erziehungskultur in evangelisch-freikirchlichen Gemeinden besonders gepflegt wird, haben Florian Götz und Oliver das Gupta am 30.9.2010 in der Süddeutschen Zeitung (SZ) veröffentlicht. Unter dem Titel „Liebe geht durch den Stock“ setzen sie sich mit Erziehungspraktiken in Familien von fundamentalistisch orientierten, streng gläubigen Christen auseinander.

Ein Zeitungsartikel als Beleg für eine wissenschaftliche Studie? Frage: Wurde die Seriosität der Aussagen dieser Journalisten überprüft? Womöglich auf wissenschaftlicher Grundlage? Antwort: Nein, warum auch? Es war nur ein Zeitungsartikel und keine z.B. Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Fachjournal.

Immerhin findet sich am Anfang der Zusammenfassung folgendes Zitat:

Bevor die Ergebnisse entlang der beiden eingangs formulierten Forschungsfragen diskutiert werden, ist auf eine entscheidende Schwäche der Auswertungen hinzuweisen: Es sind keine differenzierten Aussagen über einzelne freikirchliche Gemeinschaften möglich. Inwieweit die beobachteten Zusammenhänge für all diese Gruppen gelten, kann mit den vorliegenden Daten nicht beantwortet werden. Eine Studie, die eine stärkere Differenzierung erlaubt, wäre grundsätzlich wünschenswert.

Leider scheint den Machern der Studie nicht bewusst zu sein, dass diese Studie nicht nur an diesem Punkt schwächelt. Um so ärger, dass ihnen diese Schwäche selbst bewusst ist, sie aber nicht davon abhält abenteuerlichste Aussagen zu verbreiten. Und wieder der ausgedrückte Wunsch nach einer tatsächlich aussagekräftigen Studie. Wenn der Wunsch da ist, warum dann nicht einfach mal eine machen?

Noch ein Zitat:

Eine Erklärung für diese Befunde dürfte sein, dass in den freikirchlichen Gemeinden….

„dürfte sein“? Das ist eine wissenschaftlich fundierte Aussage? Wohl eher nicht. Was sucht eine solche Aussage dann aber in der Auswertung einer angeblich wissenschaftlichen Studie? Nach einem „dürfte sein“ kann demzufolge nur eine mehr oder weniger wilde Spekulation kommen – und wer braucht sowas?

Fazit von meiner Seite: Einen solchen Unsinn braucht Niemand. Erschreckend genug, das ein Institut, welches einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, soetwas dilettantisches anbietet. Noch schlimmer aber, dass die Medien nicht davor zurückscheuen, solches auch noch völlig unkritisch und unüberprüft zu verbreiten.
Dabei wäre eine seriöse und tatsächlich wissenschaftliche Studie mit dem Thema durchaus interessant. Insbesondere, wenn es eine vergleichende Studie wäre, die auch eine echte Relation der Erziehungsmethoden unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen gegenüber stellt. Doch offensichtlich ist dieses Institut dazu nicht in der Lage.

Bild: © Stephanie Hofschlaeger / Pixelio.de

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

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