Vorbild sein oder nicht sein das …

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Da tritt ein Spitzenkandidat in der Politik vor die Kameras und erklärt unter Tränen seinen Rücktritt aus Ämtern und Kandidatur weil er als 40jähriger eine Beziehung zu einem 16jährigen Teenager hatte – und schon geht die Diskussion los über die Frage: „Wie moralisch müssen Politiker sein?“

Erstaunlich bei der Diskussion dieser Frage ist für mich, dass es nicht wenige Bürger unseres Landes gibt, die meinen die Moral eines Politikers im Privatleben hätte nichts mit dem zu tun wie er als Politiker ist. Die Kommentare von Journalisten gehen von „Geht uns nichts an“ bis zu „Moral ist nicht egal“.

Kann man die Moral einer Person der Gesellschaft tatsächlich in Privatleben und öffentlichen Wirken aufteilen?
Also kann man von der Annahme ausgehen, dass die privaten moralischen Einstellungen einer Person sich nicht auf sein Wirken und Handeln in seinen öffentlichen Aufgaben auswirken? Ein nicht gerade kleiner Teil unserer Gesellschaft scheint tatsächlich dieser Meinung zu sein. Allerdings richtet die Heuchelei in diesen Tagen mal wieder ihr hässliches Haupt auf. Dieselben, die hier einem Politiker eine Affäre mit einem minderjährigen Kind nachsehen, schimpfen laut gegen die Vertreter der katholischen Kirche und stellen alle Priester und Bischöfe unter den Generalverdacht Kinder missbraucht und misshandelt zu haben oder zumindest Befürworter von Kindesmissbrauch zu sein. Hier ist plötzlich Moral und Amt untrennbar.

Die Frage wird laut diskutiert, ob Politiker Vorbilder sein müssen.
Ich stelle hier genauso laut die Frage, wie könnten sie es nicht sein? Ist es überhaupt möglich als Person, die in der Gesellschaft einen herausragenden Platz einnimmt, – da ist es völlig egal ob Politiker, Kirchenmensch, Sportler, Model, Polizist, Busfahrer oder Eltern – kein Vorbild zu sein?
Vorbild zu sein ist keine Frage ob man es sein will oder nicht. Jede in der Gesellschaft oder subjektiv herausragende Person ist ein Vorbild in seinem Handeln und seinen Haltungen. Denn ob jemand ein Vorbild ist oder nicht entscheidet sich schlicht an der Tatsache ob es Andere gibt, die sich an ihm ein Vorbild nehmen.

Also kann sich ein Politiker privat eine fragwürdige moralische Haltung und solche Handlungen leisten und als Politiker weiterhin glaubwürdig Politik machen? Ein klares Nein!
Bevor mich nun manche als weltfremden Moralisten betiteln wollen, zunächst ein Blick darauf, wie ich zu meiner Meinung komme:

Was sagt die Psychologie zu Vorbildern?
Eigentlich gibt es in der Psychologie keine großartige Diskussion ob Menschen in bestimmten Positionen der Gesellschaft Vorbilder sind. Sie sind es.
Allein ein kurzer Blick in Wikipedia zeigt uns dass das Thema Vorbild in der Psychologie seinen festen Platz hat. Eine ausführlichere Betrachtung findet sich z.B. auf den „psychologie-seiten„.
Die Frage ist also nicht ob es soetwas wie Vorbilder gibt. Oder ob Jemand ein Vorbild auf der einen Seite und moralisch fragwürdig auf der anderen Seite sein kann. Denn diese Vorstellung impliziert hier eine gespaltene Persönlichkeit, die zwei gänzlich unterschiedlichen Maßstäben gerecht werden will. Und eine Gesellschaft mit ebenso gespaltener Wahrnehmung.
Die Vorbildforschung in der Psychologie beschäftigt sich ausführlich mit Vorbildern und denen die sich nach Vorbildern ausrichten oder eben nicht ausrichten.

Und was sagt der christliche Glaube?
In der Bibel finden wir keine großartige Diskussion ob eine in der Gesellschaft oder subjektiv herausragende Person ein Vorbild ist oder nicht. Eigentlich war das über Jahrtausende eine unumstrittene Tatsache. Die Frage, mit der sich die Bibel beschäftigt ist die Güte eines solchen Vorbilds. Die bekanntesten Bibelstellen dazu finden sich in den Briefen des Paulus:

1 Timotheus 3:1 Das Wort ist gewiß: Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk. 2 Der Aufseher nun muß untadelig sein, Mann einer Frau, nüchtern, besonnen, sittsam, gastfrei, lehrfähig, 3 kein Trinker, kein Schläger, sondern milde, nicht streitsüchtig, nicht geldliebend, 4 der dem eigenen Haus gut vorsteht und die Kinder mit aller Ehrbarkeit in Unterordnung hält 5 wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen? 6 nicht ein Neubekehrter, damit er nicht, aufgebläht, dem Gericht des Teufels verfalle. 7 Er muß aber auch ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind, damit er nicht in übles Gerede und in den Fallstrick des Teufels gerät. 8 Ebenso die Diener: ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, 9 die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahren. 10 Auch sie aber sollen zuerst erprobt werden, dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind. 11 Ebenso sollen die Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem. 12 Die Diener seien jeweils Mann einer Frau und sollen den Kindern und den eigenen Häusern gut vorstehen;13 denn die, welche gut gedient haben, erwerben sich eine schöne Stufe und viel Freimütigkeit im Glauben, der in Christus Jesus ist.
(Rev. Elberfelder 1985)

Eine ähnliche Stelle finden wir in Titus 1:5-9
Hier ist eindeutig zu lesen, dass erst die privaten Qualitäten eine Person in einem gesellschaftlich herausragenden Stand qualifiziert eine solche Aufgabe zu übernehmen. Hier wird zunächst nicht nach einer theologischen Vorbildung, Zertifikaten oder Fachkenntnis gefragt, sondern ob sich diese Person als Privatmensch moralisch bewährt oder nicht.

Ich will hier nicht in die vielen Diskussion über die Details dieses Abschnitts eingehen oder über die Frage, ob die christliche / kirchliche Umsetzung dieser Vorgaben gelingt oder nicht. Dazu müsste ich zu tief in den Text eindringen. Festhalten kann ich zumindest, dass diese Ausgangsfrage meines Artikels hier genauso gut über christliche / kirchliche Leiter gestellt werden könnte. Die Betrachtung der Umsetzung in der Realität in Kirche und Gemeinde ist ernüchternd und oft nicht gerade begeisternd. Viel zuviele Personen in Ämtern und Aufgaben in Gemeinde und Kirche können diesen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Festhalten können wir allerdings, dass es Gott bei Personen in Vorbildpositionen nicht in erster Linie um Fachkompetenz geht, sondern um ihren Charakter. Anhand vieler Beispiele in der Bibel stellen wir allerdings auch fest, dass auch dort schon recht fragwürdige Charaktere in Leitungspositionen im Glauben und Politik zu finden waren. Immer erzählt uns aber ihre Geschichte, dass ihr Charakter unmittelbare Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft hatte. Das der Charakter der Person in einer Leitungsaufgabe immer auch für das Wohl der Gesellschaft mit ausschlaggebend ist. Einen geradezu perfekten, fehlerfreien Charakter finden wir allerdings, außer in Gott und Jesus selbst, in der ganzen Bibel nicht. Gerade an diesen Fehlern und Charaktermängeln erweist sich immer wieder die Güte und Gnade unseres Gottes und ob diese Leiter diesen einen Charakterzug, sich demütig vor Gott zu beugen, beherrschen oder nicht.

Fazit:
Es besteht also nicht der Anspruch, dass Vorbilder der Gesellschaft – welche sie nun schlicht einmal sind – Fehlerfrei oder von tadellosen Charakter sind. Aber es besteht der Anspruch dass diese Personen mit ihrem Charakter offen umgehen und sich korrigierbar zeigen. Ebenso besteht der Anspruch an die Gesellschaft sich offen und barmherzig mit diesen Charakteren auseinandersetzen. Da gibt es dann auch klare Ausschlusskriterien für solche Personen.
Allzu sehr stimmt die Aussage: „Jede Gesellschaft hat die Politiker, die sie verdient“
Die Einbildung uns könne oder müsse gar die moralische Qualität unserer Politiker nichts angehen, ist gefährlich naiv. Vielmehr sollten wir uns unsere Politiker in Amt und Würden einmal genauer ansehen und uns fragen, was diese gewählten Volksvertreter in ihrem Charakter über uns als Volk aussagen.
In unserer Gesellschaft gibt es eine klare moralische Vorgabe, wie wir sie z.B. in der Bibel finden, nicht mehr. Was ich sehr bedauere aber so hinnehmen muss. Daher müssen wir uns immer wieder neu in eine offene Diskussion über die moralischen Werte, die unsere Gesellschaft bestimmen, begeben. Platte Sprüche, wie „eine solche Affäre eines Politikers geht uns nichts an“ sind schlicht dumm.

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

2 Kommentare zu „Vorbild sein oder nicht sein das …“

  1. Lieber Charly,

    manchmal frage ich mich ernsthaft wieso es eigentlich immer wieder nötig ist die einfachsten Selbstverständlichkeiten erneut zu erklären!
    Normalerweise müßte jeder vernünftig und selbständig denkende Mensch wenigstens die Grundzüge dessen was Du hier zum Ausdruck bringst aus der Selbstreflektion und dem Nachdenken erkennen oder erschließen.

    Das dies nicht so ist zeihgt mir, daß es mit „vernünftig“ und „selbständig“ bei uns Menschen nicht immer arg weit her ist sondern Menschen sich im Gegenteil freiwillig in bequeme Abhänigkeiten begeben und oft auch garnicht nachdenken oder reflektieren wollen!
    Verantwortlich für ihr Handeln bleiben sie aber trotz alldem, denn Verantwortung kann man nicht abgeben – schon garnicht für das eigene Denken und Verhalten. Aber genau das versucht die Gesellschaft direkt oder indirekt zu vermitteln. Schließlich ist es bequem! Sowohl für Machthaber und Entscheidungsträger, die dadurch trotz aller Freiheiten und Widersprüche ein „williges Volk“ führen und ebenso das „bequeme Volk“, das dadurch glaubt über viele Dinge nicht mehr zwingend nachdenken zu müssen (das machen ja schon „die da oben“).

    Der alte Bismark war leidlich kein Demokrat aber seine politischen Entscheidungen hatten eine Reichweite, die sich heutige Politiker nichteinmal mer trauen zu träumen. Freilich liegt das ganz sicher auch an ihren Prämissen und Zielen und dem (vermeintlichen) Fehlen einer höheren Instanz.

    Der internationale Gerichtshof in Den Haag wird vermutlich in den nächsten Tagen und Wochen mit den Söhnen Ghadafis zu tun haben und sie – wenn nicht schon geschehen – verurteilen …

    Unsere Politiker werden sich vermutlich kaum in Den Haag verantworten müssen aber dort tagt ja auch keineswegs das höchste Gericht 🙂

    Ich kritisiere nicht die Fehler der Politiker an sich sondern ihr falsches Denken und ihre grundsätzlich fragwürdigen (ich-bezogenen und Macht-erhaltenden) Ziele, die dem Volk und seiner Mehrheit auf lange Sicht nicht wirklich dienen können ….

    Aber hier spiegeln die Politiker auch nur das wieder was in der Gesellschaft Gang und Gäbe ist: ein manchmal mehr manchmal weniger gut versteckter Egoismus, der selten konsequent bis zum Ende durchgedacht wird sondern viel mehr an kurzfristigen persönlichen Interssen orientiert ist …

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