Psychologie des antireligiösen Affektes

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Univ.-Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli aus Wien macht sich in der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ als Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut Gedanken zu der Frage, woher die zunehmende Religionskritik in der westlichen Welt unserer Zeit kommt. Sein Ansatz kommt aus seinem Hintergrund als Anhänger der Lehren Sigmund Freuds. Daher sucht er eine Antwort auf dem Gebiet des Narzissmus.

Zitat aus „Die Tagespost“:
„Warum genau finden es manche Zeitgenossen so auffallend irritierend, wenn andere glauben? Wieso ist es für sie so schmerzhaft, wenn eine gottesfürchtige Muslimin ein Kopftuch trägt? Was kann so bedrohlich daran sein, wenn bibeltreue Christen dem politisch korrekten Mainstream widersprechen? Warum empört man sich, wenn Menschen das katholische Lehramt für wahr halten und ihr Leben danach ausrichten? …..
Wie läuft der unbewusste Psychomechanismus ab, von der ersten Emotion bis hin zum Mord? Wie tickt die antireligiöse Psyche? ….

Zugegeben, nicht jede Religionskritik ist psychologisch auffällig. Hier soll jedoch die Psychodynamik einer irrationalen, unkontrollierten Affektivität untersucht werden, die im Alltag oftmals Grundlage der Religionsfeindlichkeit ist und damit eine rationale Auseinandersetzung verunmöglicht. Die Aggression gegen das Religiöse, der antireligiöse Affekt, ist tatsächlich ein interessantes Phänomen und aus psychologischer Sicht noch nicht ausreichend behandelt…..

Für die psychologische Untersuchung dieser latenten oder gar offenen Religionsfeindlichkeit können wir die moderne Aggressionsforschung zu Hilfe nehmen. Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer hat in seinem neuesten Buch klargestellt, dass den meisten Aggressionsformen ein psychischer Schmerz vorausgeht, und die Aggression dessen Abwehr dient. Diese neurobiologische Erkenntnis deckt sich mit dem schon länger bekannten Phänomen der narzisstischen Kränkung. Sie bezeichnet einen zumeist unbewussten, aber sehr schmerzhaft erlebten Vorgang, der in eine irrationale und oftmals unkontrollierte Aggression gegenüber dem „Kränker“ mündet. Narzisstisch kränkbar sind Menschen, bei denen sich eine starke Diskrepanz zwischen idealisiertem Selbstbild und der Realität entwickelt hat. Der Narzisst konstruiert ein übermächtiges Wunschbild von sich selbst, das er zur Realität erklärt. Er lebt mit einem überzogenen, aber brüchigen Selbstwertgefühl. Bedrohlich erlebt wird demnach jeder Hinweis auf die Wirklichkeit, da die Wahrheit über sich selbst schmerzhaft erlebt und deswegen ins Unterbewusstsein verdrängt wird. …“

Er arbeitet drei Kränkungen des „modernen“ Menschen heraus, in denen er eine Antwort auf dieser antireligiöse Affekt zu finden meint:
„Ich möchte hiermit die drei Kränkungen des „modernen“ Menschen postulieren. Die erste besteht darin, dass Gott nach wie vor nicht tot ist, obwohl Friedrich Nietzsche vor 150 Jahren dessen Ableben diagnostiziert hatte. Nietzsche zum Trotz blühen die Religionen aber weltweit. …
Die Renaissance des Religiösen wird als bedrohlich erlebt, da das idealisierte Selbstbild des modernen Menschen vorgibt, diese Transzendenz nicht mehr zu benötigen, weil ja die „Wissenschaft“ jegliches Übernatürliche wegrationalisiert habe. …

In die Abwehr der schmerzhaften Realität, dass jedem Menschen eine natürliche Religiosität innewohnt, die Victor Frankl in seinem Buch „Der unbewusste Gott“ beschrieben hat, wird viel Kraft investiert. Diese Abwehrkräfte können als antireligiöse Affekte wahrgenommen werden. Da sie irrational und daher unbegründbar sind, verlieren sie sich häufig in einer überzogenen Affektivität im Sinn einer emotionalen Aufgeregtheit und Betroffenheit, um sich der rationalen Diskussion zu entziehen. Tatsächlich werden dem Religiösen viele pseudorationale Scheinargumente an den Kopf geworfen, die aus den irrationalen Quellen eines schmerzhaft gekränkten Narzissmus stammen. Zusammengefasst: Die erste narzisstische Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion.

Zweitens: Noch viel schmerzhafter, weil bedrohlicher, wird aber die moralische Instanz erlebt, die den Glaubensgemeinschaften innewohnt. Die heute gehandelten alternativen Ethikangebote sind letztlich ebenso farblos wie inhaltsleer und beliebig, damit aber auch schmerzfrei, oder sogar schmerzstillend. Neues Opium für das Volk: seichte, nichtssagende, moralinsaure, politisch korrekte Stehsätze nachbeten – und sich gleich so richtig moralisch überlegen fühlen. Wie leicht ist es doch, gut zu sein. Dafür steht ein wahrhafter Gottesglaube nur bedingt zur Verfügung. Religion ist viel mehr als ein simples Moral- und Anstandsgebäude. Vielleicht gerade wegen ihrer transzendenten Verankerung ist die religiöse, und ganz besonders die katholische Morallehre nicht manipulierbar – nicht einmal von beifallshungrigen Moraltheologen. Das ist aber im Zeitalter der veröffentlichten Meinung tatsächlich eine beängstigende und durchaus schmerzhafte Angelegenheit – es bedeutet ja einen potenziellen Machtverlust für die Trend-Setter. Die Religion – jede! – degradiert den selbst zu Gott gewordenen modernen Menschen zum Geschöpf und installiert sogar Normen, an die er sich halten muss. Und behauptet sogar, dass es einen ewigen Richter gibt, vor dem der Mensch sich für seine Taten verantworten muss. Das tut weh.“

Als zweites stellt er fest, dass Schuld verdrängt oder auf andere projiziert wird:
„Benedikts XVI. messerscharfe Analyse bringt es auf den Punkt: „Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.“ Zu dieser Ich-haften Ethik gehört damit zwingend das Postulat der Fehlerlosigkeit des modernen Menschen. Denn die neue Ethik passt sich ja flexibel an die jeweiligen Lebensformen an, deswegen konnten Fehler, Schuld und Sünde abgeschafft werden. Schuld: die haben höchstens die anderen. Damit muss in der Schmerzabwehr der Täter zum Opfer umgedeutet werden: Man wälzt so seine Fehler aggressiv auf andere ab. …
Diese Dynamik der krampfhaften Schmerzvermeidung durch rigides Festhalten an der eigenen Fehlerlosigkeit mit reflexartiger aggressiver Fremdbeschuldigung kann der moderne Mensch nur mit mühsamer Anstrengung in kontinuierlichem Selbstbetrug durchhalten. In psychoanalytischer Terminologie nennt man diese Anstrengung „Verdrängung“. Heute wird in erster Linie Schuld verdrängt, denn dafür hat der unbarmherzige Zeitgeist keine wirkliche Lösung. Eine Aufdeckung dieser Verdrängung ist schmerzhaft und muss mit Aggression abgewehrt werden. Damit ist die Kirche, sind auch die anderen Glaubensgemeinschaften, der Buhmann, denn ihre Botschaft ist, dass jeder schuldig wird. Zusammengefasst: Die zweite narzisstische Kränkung des modernen Menschen ist die eigene Schuldhaftigkeit. …

In diesem Zusammenhang ist der Slogan aus den 1980er Jahren „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ kritisch zu hinterfragen. Was wird hier genau als bedrohlich erlebt – und warum? Das Selbstbild des armen hilflos Bedrohten angesichts eines moralischen Anspruches zeugt von der klassisch neurotischen Fremdbeschuldigung aufgrund mangelnder Selbstreflexion. Zu leicht kippt solch eine Grundhaltung in die unreflektierte passive-aggressive Opferrolle. „Schuld sind die anderen, die zu viel von mir verlangen.“ Aus diesem Grund werden diese psychodynamisch durchschaubaren Anliegen meist aggressiv oder verbittert vorgetragen – als Opfer eben. Der Vollständigkeit halber muss man festhalten, dass es natürlich auch interreligiöse Aggression gibt, die einen Sonderfall der Religionsfeindlichkeit darstellt. Zur aggressiven religiösen Intoleranz neigen jene Persönlichkeiten, die sich der Religion für ihre eigenen, oft politischen und/oder egoistischen Zwecke bedienen. Sie stehen im Gegensatz zu denjenigen, die ihre Religion verinnerlicht haben. Der Psychologe Gordon W. Allport unterschied 1967 die Begriffe extrinsische und intrinsische Religiosität, indem er festlegte „the extrinsically motivated person uses his religion, whereas the intrinsically motivated lives his religion“ („Die extrinsisch motivierte Person benutzt ihre Religion, wohingegen die intrinsisch motivierte ihre Religion lebt“). Sehr deutlich wird das am Beispiel von fanatischen Fundamentalisten, die sich auf den Islam berufen, ohne ihn innerlich zu leben. Sie missbrauchen den Koran für ihre politischen Ziele und zur narzisstischen Selbsterhöhung. Offensichtlich wird dasselbe Phänomen aber auch an jenen katholischen Islamkritikern, die das katholische Lehramt wegblenden, um bei ihren feindseligen Thesen bleiben zu können.“

Als Drittes zeigt er die Eifersucht als Kränkung auf:
„In der Familiendynamik kann man oft das Phänomen der Aggression des Pubertierenden auf jüngere Geschwister beobachten, die sich notgedrungen mit den mächtigen Eltern verbünden. Das hat mit Eifersucht zu tun, da er sich weniger geliebt fühlt als die Jüngeren, Schwächeren, und auch mit Neid um die Gunst der bekämpften Erwachsenen. Denn der ambivalente Pubertierende sehnt sich nach der Liebe, die er ausschlägt. Dieser Mechanismus trifft auch manchmal bei der antireligiösen Aggression zu. Der aggressive Areligiöse fühlt sich unterbewusst ins Eck gedrängt, in die Enge getrieben, in Frage gestellt. Die aufgesetzte pubertäre Überlegenheitsgebärde ist oft nicht mehr als eine mühsame Rationalisierung seiner inneren Not. Seine Kränkung besteht darin, zurückgesetzt zu werden, obwohl er die Zurücksetzung pubertär provoziert. Er empfindet Neid und Eifersucht darüber, dass der andere bei Gott Liebe, Sicherheit und Geborgenheit findet, und er selbst sich einsam durch die graue und grausame Welt schlagen muss. Kain hat aus diesem Grund Abel erschlagen. Und immer die schmerzhafte Angst im Nacken, ob das alles vielleicht doch stimmt, und er auf das falsche Pferd gesetzt hat…“

Zum Hintergrund von Univ.-Doz. Dr. Raphael M. Bonelli wird angegeben:
Univ.-Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli ist Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut an der Sigmund Freud Universität Wien. Er ist Direktor des renommierten Instituts „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“, das erstmals eine Fachtagung in einem Islamischen Zentrum veranstaltet. Um „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“ geht es bei der am 18. Juni in Wien stattfindenden Tagung, bei der auch vier exponierte Katholiken zu Wort kommen…“

Mir scheint, dass diese Überlegungen bedenkenswert sind. Aber dennoch greift mir das zu kurz. Denn ich glaube, dass ebenso weitere Gründe im Gruppenverhalten und Geltungsbedürfnis der Menschen zu finden sind. So scheint mir dieses Thema nicht ausdiskutiert zu sein. Schade, dass die erwähnte Tagung so weit weg stattfindet. Es wäre sicherlich interessant sich mit diesem Thema näher auseinanderzusetzen.

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

3 Kommentare zu „Psychologie des antireligiösen Affektes“

  1. Ein wirklich interessanter und aufschlussreicher Beitrag, auch wenn ich zustimme, dass das noch nicht die vollständige, erschöpfende Wahrheit sein kann.
    Beim ev. Kirchentag in Dresden wunderte ich mich, wie erwachsene Menschen Stände mit antireligiösen Botschaften betreiben konnten – und wie viele sich dafür interessierten – denn gerade weil ich mit 15, 16 Jahren selbst solch eine antichristliche Phase hatte, ging ich davon aus, dass das eher eine pubertäre Trotzerscheinung ist und das Toleranzdenken mit der eigenen geistigen Reife zunimmt – offenbar ein Fehldenken.
    Die psychologischen Analysen klären das zumindest ein Stück weit auf.

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  2. Auch wenn es dem hiesigen Mainstream entgegensteht, aber ich halte diese Aktion für unbedingt Notwendig. Damit mal die immer – evangelikalen- ich habe immer nur Recht- ob sie das haben, das müssen Sie erst mal unter Beweis stellen und aus ihrem selbstgefälligen Träumen erwachen! Auch wenn es hier ziemlich aufgebauscht wird, aber dem, der sich mit Kirchengeschichte auskennt, wird das nur ein müdes Lächenl entlocken,- hat es das nicht schon immer gegeben- ??!! Also warum darüber aufregen! Besser mal nachdenken und handeln!!!

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  3. „Der Narzisst konstruiert ein übermächtiges Wunschbild von sich selbst, das er zur Realität erklärt. Er lebt mit einem überzogenen, aber brüchigen Selbstwertgefühl.“

    Es gibt auch genug nachweisbare religiöse Narzisten, die dann ihre Idealiiserungen eben ein bisschen andersherum konstruieren und praktizieren

    “ … drei Kränkungen des „modernen“ Menschen:“

    1. Kränkung: „Die erste narzisstische Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion.“

    2. Kränkung: „Die Religion – jede! – degradiert den selbst zu Gott gewordenen modernen Menschen zum Geschöpf und installiert sogar Normen, an die er sich halten muss. Und behauptet sogar, dass es einen ewigen Richter gibt, vor dem der Mensch sich für seine Taten verantworten muss. Das tut weh.“

    3. Kränkung: … fehlt im Auszug …

    „Diese Dynamik der krampfhaften Schmerzvermeidung durch rigides Festhalten an der eigenen Fehlerlosigkeit mit reflexartiger aggressiver Fremdbeschuldigung kann der moderne Mensch nur mit mühsamer Anstrengung in kontinuierlichem Selbstbetrug durchhalten.“

    Auch in religiösen Gruppen ist sowohl das eigene idealisierte Selbstverständnis weit verbreitet das andere Meinungen oder Fakten umdeutet oder negiert. Dies ist ein allgemein menschliches Verahelten und nicht auf Atheisten beschränkt.

    Im religiösen Bereich beanspruchen sogar mehrere Kirchen oder Gemeinschaften diesen narzistischen „alleinvertretungs-Anspruch“ der Wahrheit. Eigentlich wird dieser hier sogae generell ad ab surdum geführt oder muß zumindest im Zusammenhang mit dieser Form der Argumentation etwas relativiert werden, denn im abstrakten Sinne ist jede Kirche / Gemeinschaft auch nur eine besondere Form vom evtl. narzistischem „Individuum“ das Gott versucht für sich zu vereinnahmen!

    Die Geschichte mit der Opferrolle übersieht den auch heute nicht gebrochenen massiven geistlichen Mißbrauch, der allein schon durch den Anspruch auf die Mittlerrolle der Kirchen entsteht und oft mit dem vertauschen von Kirche und Gott endet (ANTI-Christ!). In diesem Zusammenhang werden nämlich tatsächlich auch heute noch regelmäßig Dinge von Menschen gefordert, die kaum biblisch sind sondern auf Formalismen oder unzulässigen Umkehrschlüssen basieren anstatt die schlichte Wahrheit der Leibensbeziehung Gottes zu seinen Geschöpfen (und evtl. umgekehrt) zu erkennen und zu verkündigen.

    Wäre der Autor konsequent bis zum schluß müßte er den religiösen Aaspruch JEDER Kirche (auch der eigenen katholischen) negieren und auf die freiwillige Hingabe zu Jesus in der unmittelbaren Nachfolge kommen …

    Damit wäre nämlich der Wahrheit inm Christus genauso Rechnung getragen wir der Individualität innerhalb der Nachfolge der Einzelnen!

    maranatha Stephan

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