Idealisiertes Vaterbild

Sandskulptur - Vater mit Kinder
© Thomas Max Müller / pixelio.de

Durch einen Artikel in der aktuellen „Psychologie Heute“ habe ich mir Gedanken über ein möglicherweise zu idealisiertes Vaterbild Gottes unter uns Christen gemacht. Der Artikel ist folgendermaßen überschrieben.

Die Idealisierung des Vaters

Der Vater hat für jedes Kind schon früh eine große Bedeutung. Dies zeigt sich oft in einer Tendenz zu seiner Idealisierung. Kinder leben mit dem Vater, selbst wenn dieser real nicht anwesend ist. Auch ein Kind, das allein mit der Mutter aufwächst, hat eine Vorstellung von ihm. Es entwickelt Interesse an dem Mann, der mit der Mutter auf eine geheimnisvolle Art verbunden ist, und macht sich ein Bild von ihm. Kann es dieses nicht an der Realität überprüfen, weil der Vater abwesend ist oder sich entzieht, besteht die Gefahr, dass eine übermäßige Idealisierung die Entwicklung behindert.“

Es geht um die Vorstellungen die Kinder sich vom (anwesend-)abwesenden Vater machen und dessen Auswirkungen in ihrem späteren Leben. Offensichtlich kann das zu Beziehungsproblemen oder zu sozialen Problemen führen – muss es aber nicht.

Der lange abwesende Vater Gott
In der Geschichte der christlichen Verkündigung war lange Zeit Gott als Vater mehr oder weniger abwesend. Überwiegend wurde (und wird zum Teil immer noch) Gott als strenger Richter in großer Distanz vermittelt. Darauf folgte in jüngerer Zeit eine Vater-Bewegung, in der Gott ganz neu als unser Vater verkündet wurde. Dies fand in den letzten Jahren wieder einen verstärkten Zuspruch. Zum einen in einer Bewegung, die sich auf die Suche nach geistlichen Vätern unter Christen macht und neuerlich in einer Bewegung, in der Gott fast nur noch mit „Papi“ angesprochen wird.

Offensichtlich spricht dies tiefe Sehnsüchte in uns Christen an. Letztlich entspricht das Ausstrecken der Christen nach ihrem Vater im Himmel ja auch der Kernbotschaft Jesu. Etliche Bibelstellen sprechen davon, dass Jesus uns durch seine Erlösungstat wieder zurück in die Gemeinschaft mit dem Vater bringen will.

Seltsame Vaterbilder
Mir scheint allerdings manchmal recht fragwürdig zu sein, was ich da zum Teil an Verkündigung mitbekomme. Da treffe ich auf Vermittlungen von Gottes Charakter, die mir arg einseitig und auch schon mal überzogen erscheinen. Das gipfelt darin, dass von der Liebe Gottes in einer sehr irrationalen Form gesprochen wird. Hier scheint es dem Vater-Gott schier unmöglich zu sein Menschen abzuweisen, auch wenn diese die Erlösung durch Jesus abweisen. Jede Vorstellung von ewiger Gottestrennung wird abgelehnt und nicht einmal für möglich gehalten, dass auf Erden erlebtes Leiden zumindest von Gott zugelassen sei.
Dem widersprechen aber etliche Bibelstellen. Zum anderen hat dieses überzogene Bild eines liebenden Vaters auch mit Liebe nichts mehr zu tun. Denn wenn Eltern ihre Kinder wirklich lieben, werden sie nicht jede leidvolle Erfahrung in dem Leben ihrer Kinder verhindern wollen. Vielmehr werden sie ihre Kinder lehren wollen, auch mit Enttäuschung und Schmerz umzugehen. Leiderfahrungen gehören wesentlich dazu, dass ein Kind seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen kennenlernt.
Zudem wird echte Liebe auch akzeptieren, wenn das geliebte Kind sich völlig abwendet – so schmerzvoll das auch ist. Liebe steckt den Anderen in kein Gefängnis – auch dann nicht, wenn es ein Gefängnis aus Liebe sein soll.

In dem Artikel wird auch aufgezeigt, dass es für ein Kind zunächst normal ist, dass es eine stark idealisierte Vorstellung von seinem Vater aufbaut.
Auch ich kann mich noch daran erinnern, dass mir als kleines Kind  mein Vater geradezu allwissend und allmächtig vorkam. Ich lernte dann mit zunehmenden Alter, dass dem nicht so ist.
Dies zu erfahren und zu lernen gehört eben zu einer gesunden Entwicklung des Kindes. Ist der Vater aber (anwesend-)abwesend, hat das Kind nicht die Gelegenheit diese Erfahrungen zu machen.

In der langen Zeit, in der Gott als Vater in der Verkündigung unter uns Christen fast nicht vorhanden war, entwickelten seine Kinder trotzdem eine Vorstellung vom Vater im Himmel – die eben auch dazu neigte idealisiert zu sein. Diese Idealisierung hat den Nachteil in beide Richtungen, sowohl positiv als auch negativ, überzogen zu sein.
So entstanden Gottesbilder von einem strafenden und fromme Leistungen einfordernden Gott, als eben immer wieder auch von einem Gott der alles Krumme Gerade sein lässt und Jedem, egal wie abgedriftet er auch sein mag, die Erlösung und das ewige Leben geradezu hinterher wirft – ob dieser Mensch das nun will oder nicht.

Redet man heute mit manchem Christen über den Zorn Gottes (Achtung: nicht über einen zornigen Gott!) und ewige Verdammnis, trifft man nicht selten auf vehementen Widerstand. Andererseits findet auch die Verkündigung des liebenden Vaters oft genug bei den Anhängern der religiösen Leistungen und daraus erfolgenden Belohnung oft genug auf Widerstand.

Was haben beide Haltungen denn nun mit dem realen Gott zu tun?
Vertiefen wir uns in die heilige Schrift, finden wir einen Gott, der weder zu der einen Seite noch zur anderen so massiv ausschlägt. Ja, wir treffen auf einen Gott, der uns manches mal fragend dastehen lässt. Nicht immer gelingt es uns so ohne weiteres die absolute Gerechtigkeit Gottes auch mit seiner ebenso absoluten Liebe vereinbaren zu können.

Was hilft uns denn nun?
Wenn wir uns nun fragen, wie wir aus diesem Dilemma herauskommen können, komme ich auf den eindeutigen Vorteil, den wir als Christen haben. Gott ist nicht abwesend!
So wie Kinder im Umgang mit ihrem Vater wichtiges lernen, so lernen wir dies im Umgang mit unserem Vater-Gott. So erfahren wir eine gesunde Entwicklung in unserem Glaubensleben.

Bleibt also die Herausforderung uns diesem Vater im Himmel, der laut Jesus ja gar nicht so weit von uns entfernt ist, zu nahen und regen Umgang mit ihm zu pflegen. Das fordert uns heraus uns immer wieder zu hinterfragen, ob unsere Vorstellung von Gott auch Gott entspricht. Es bleibt ein Abenteuer, in dem wir letztlich erfahren werden, dass wir Gott erst dann wirklich verstehen lernen, wenn wir ihm dereinst von Angesicht zu Angesicht begegnen werden. Bis dahin aber können wir auch voneinander lernen, wie unser Glaubensbruder und unsere Glaubensschwester Gott erfährt.

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

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