unerträgliche Harmonie

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© S. Hofschlaeger / pixelio.de

Wo kommt es nicht vor, dass ein Umstand oder das Verhalten einer Person in einer Gruppe Unruhe oder Missstimmung bewirkt. Wo Menschen zusammenkommen gibt es immer Kollisionen aufgrund unterschiedlicher Meinungen oder disharmonischen Verhaltens. Das ist so klar und natürlich, dass dieser Umstand recht viel Raum auch in der Bibel findet.

Allerdings finden wir auch in der Bibel nicht einfach die Anweisungen „uns alle recht lieb zu haben und einander schnell und einfach zu vergeben“. Oh nein! Paulus schreibt an die Korinther, dass er zwar ganz klar gegen Spaltungen unter den Christen ist, Parteiungen (also Meinungsunterschiede) aber notwendig seien, damit „die Bewährten offenbar werden“.
1 Korinther 11:17 Wenn ich aber folgendes vorschreibe, so lobe ich nicht, daß ihr nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren zusammenkommt. 18 Denn erstens höre ich, daß, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, Spaltungen unter euch sind, und zum Teil glaube ich es. 19 Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden. (rev. Elb.)
(Hier gilt es zu beachten, dass vom zugrundeliegenden griechischen Text her „Spaltungen“ Ab/Trennungen gemeint sind, welche Paulus auch an anderer Stelle klar ablehnt. Für „Parteiungen“ hingegen wird ein griech. Wort verwendet, welches „Meinungsunterschiede“ beschreibt.)

Liebe gleich Harmonie?
Die Bibel ist kein Buch, dass uns auf alle Fälle zum Einhalten einer Harmonie auffordert. Obwohl Jesus alle Gebote in dem Gebot der Liebe zusammenfasst, versteht die Bibel unter Liebe keine Zwangsharmonie.
Matthäus 22:35 Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: 36 Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? 37 Er aber sprach zu ihm: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.» 38 Dies ist das größte und erste Gebot. 39 Das zweite aber ist ihm gleich: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Rev. Elb.)

Nun hat sich allerdings ein recht verschrobenes Bild über die Liebe auch unter uns Christen breit gemacht. Oft wird da aus dem „Hohelied der Liebe“ zitiert:
1 Korinther 13:4 Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, 5 sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit, 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. (Rev. Elb.)
Betonung liegt dann so oft auf „erträgt alles“ oder „benimmt sich nicht unanständig“ oder „rechnet Böses nicht hinzu“ und wird derart verstanden, dass ja Niemand, der ein rechter Christ sei, sich anmaßt auf Missstände und Fehlverhalten Anderer hinzuweisen. Wenn aber doch, so habe er es „in Liebe“ zu sagen. Interessanterweise wird aus demselben Kontext des Bibeltextes das „sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit“ schlicht ignoriert.

Offenbarte Wahrheit aber tut oftmals auch sehr weh. Das Jesus nicht davor zurückschreckte wird an vielen seiner Äußerungen deutlich. Nicht nur dass er div. Religionsvertreter als „getünchte Gräber… Schlangen und Otternbrut“ (Matth. 23) bezeichnete, er verschwieg auch nie die harten Konsequenzen menschlichen Fehlverhaltens:
Matthäus 6:14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; 15 wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben. (Rev. Elb.)

In Liebe sagen
Einen Ausdruck, der einem immer wieder begegnet ist, dass man etwas „in Liebe sagen“ solle. Ein Ausdruck, der mir ehrlich gesagt manchesmal Übelkeit verursacht. Denn manchesmal wird so gesagt, dass zwar ein Übeltäter seine manipulativen Spielchen und oftmals auch Missbrauch an Anderen betreiben kann, jegliche klare und deutliche Kritik daran aber schlicht verboten ist. Denn oftmals ist das Verhalten dieser Übeltäter oder die Folgen daraus recht grausam, aber das darf nicht ausgesprochen werden. Wie pervers!

„In Liebe sagen“ – damit soll aufgefordert werden, Kritik immer offen zu halten, sie mit Worten zu äußern, die nicht anstoßen oder gar aufwühlen könnten. Harmonisch und diplomatisch soll es halt sein. Übersehen wird dabei, dass es oftmals gerade ein herausragender Ausdruck von Liebe ist, etwas unverblümt und auch kontrovers anzusprechen.
Ist zum Beispiel Jemand dabei träumenderweise in wenigen Schritten über einen gefährlichen Abgrund zu laufen, hilft ihm eine umschweifende und um Harmonie bemühte Anrede gleich garnichts. Bis dieser darauf aufmerksam geworden ist und nur halbwegs verstanden hat, was man von ihm will, liegt er längst am Grunde das Abgrunds. Es käme auch Niemand auf die Idee ein Kind, dass im unmittelbaren Begriff ist auf eine heiße Herdplatte zu greifen mit langatmigen, nicht anstößigen Erklärungen davon abhalten zu wollen.
Ist Jemand dabei in seinem Jähzorn einen Anderen zu verletzen, hilft ein Ansprechen „in Liebe“ auch nichts.
In Liebe in solchen Fällen etwas zu sagen bedeutet hart, laut und absolut unmissverständlich ein Stopp zu setzen.

Wenn in einer Gruppe ein Mitglied durch sein Verhalten oder durch ihm gegebene Autorität andere Gruppenmitglieder unbillig unterdrückt, manipuliert oder gar missbraucht, bedarf es ebenso eines klaren, hörbaren und unmissverständlichen Stopp. Ja, es ist ein klarer Ausdruck von Liebe dort, wo solche Missstände sind, diese auch klar anzusprechen.

Warum mein Text hier
Das wird sich der Eine oder Andere wohl fragen. Ich schreibe dies hier, weil ich immer wieder beobachten muss, dass absolut angebrachte Kritik unter Christen nicht stattfindet oder durch solches „Liebes-Geschwafel“ und unerträglicher Harmoniesucht unterdrückt wird.

Ein aktuelles Beispiel ist, dass sich Christen, die extremen Missbrauch durch eine neugnostische Sekte (die sich als christliche Freikirche zu tarnen versucht) erleben mussten, an weltliche Reporter gewand haben um Hilfe zu finden. Die Christen hingegen – also etliche namhafte Vertreter div. christlichen Kirchen und Bewegungen – haben fast zehn Jahre zu dem offensichtlichen Treiben dieser Sekte geschwiegen. Warum? Weil man ja „nicht schlecht übereinander reden soll“. Frühzeitige offene Kritik gab es nur von einer Stelle unter den Freikirchen.
Das Ergebnis ist eine Reportage im öffentlichen Fernsehen, die durch das pauschale Aburteilen aller evangelikalen Freikirchen in der Abmoderation dieser Reportage die Realität bitter verzerrt. Zudem greift dieser Report lange nicht die schlimmsten Missstände in dieser Sekte auf.

Öffentliche Kritik unter Christen funktioniert oft nicht
Zur Zeit gibt es einen öffentlich ausgetragenen Streit zwischen evangelikalen Christen und bestimmten TV-Journalisten, weil es mehrere, sehr simplifizierte und einseitig verurteilende Reportagen über zB bestimmte Missionen, etc. gegeben hat. Nach meiner Ansicht fehlt es aber auf beiden Seiten. Auf der Seite der öffentlichen Berichterstattung an Objektivität und differenzierter Sicht und auf Seiten der Christen an der Einsicht, dass sie sich selbst oft – wenn überhaupt – recht fragwürdig in der Öffentlichkeit präsentieren. Zudem fehlt es bei den Christen an einer Bereitschaft unter ihnen selbst eine objektive Kritik zu üben. Gäbe es diese öffentlich, würde diesen wenig qualifizierten Reportagen die Grundlage entzogen.
Tatsächlich gab es in zwei oder drei Zeitschriften eines christlichen Verlags vor ein paar Jahren mal einzelne kritische Berichte zu der Sekte. Dass die Berichtführung aber nicht weiter betrieben wurde, ist in sich beredet.

Ein anderes Beispiel war im letzten Jahr der Hipe um die angebliche Mega-Erweckung in Lakeland mit Todd Bentley. Ich selbst musste erfahren, dass offene und sachliche – wenngleich scharfe – Kritik absolut unerwünscht war. Als offenbar wurde, wovor weltweit etliche Christen gewarnt haben, gab es wenig Einsicht, vielfach nur ein beredetes Schweigen. Entschuldigungen bzgl. der harschen Angriffe auf die, die sich in ihrer Kritik nicht haben unterdrücken lassen, gab es selbstverständlich auch nicht. Heute nun ist Todd Bentley wieder dabei, sein mehr wie fragwürdiges Treiben fortzusetzen.

Aber nicht nur in solch größeren Fällen funktioniert öffentliche Kritik unter Christen oft nicht. Jeder, der sich ernsthaft und seriös mit dem Thema geistlicher Missbrauch beschäftigt, kennt etliche Geschichten wo in christlichen Gemeinden (sicherlich nicht nur dort) Machtmenschen ganze Gruppen von Christen missbrauchen können und jede offene Kritik daran unterdrückt wird. Nicht selten mit dem Anspruch die „Harmonie“ in  solchen Gruppen nicht durch Kritiker stören zu lassen. Ein oft vorkommendes Phänomen dort ist, dass die, die offen auf einen Misstand oder das Missverhalten hinweisen, zum Problem erklärt werden und zur Buße aufgerufen werden oder einfach aus der Gemeinde herausgemobbt werden.

Dabei werden wir im Wort Gottes klar und deutlich aufgefordert Missstände unter uns offen anzusprechen und auszuräumen. Echte Kritik ist nicht eine Abwendung von der Liebe, sondern klarer Ausdruck ebendieser Liebe. Wer liebt wird nicht wegsehen und nicht schweigen, wenn Andere leiden müssen oder wenn Gefahren offensichtlich werden.
Matthäus 18:15 Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein! Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. 16 Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde! 17 Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner! 18 Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr etwas auf der Erde bindet, wird es im Himmel gebunden sein, und wenn ihr etwas auf der Erde löst, wird es im Himmel gelöst sein. (Rev. Elb.)
… und viele andere Stellen mehr.

Mut zur Kritik
Mein Appell geht demnach dorthin, dass Christen sich nicht durch ein falsches, oft unerträgliches Harmonieverständnis oder durch Gegenwind davon abhalten lassen sollen, vernünftige Kritik offen auszusprechen. Wenn christliche Gemeinschaften das nicht aushalten, müssen sich diese Gemeinschaften gefallen lassen in Frage gestellt zu werden.
Mein Appell geht aber genauso dorthin, dass jede Kritik vernünftig, sachlich und aus echter Liebe zum kritisierten Gegenüber geäußert werden muss. Manche der Schlammschlachten unter Christen, die als theologische Kritik bezeichnet wird, verdient eine solche Bezeichnung nicht.

Wer fähig ist sich einer vernünftigen Kritik zu stellen, zeigt dass er wahre Reife besitzt – sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen. Wer jegliche Kritik verweigert, sei es an sich oder an anderen, stellt sich selbst in Frage.

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

8 Kommentare zu „unerträgliche Harmonie“

  1. Du hast Recht.
    Etwas „in Liebe“ sagen, heißt oft: diplomatisch formulieren, bloß nichts tun, was den anderen kränken könnte…
    Den Fehler hab e ich öfter gemacht und war deswegen oft nicht klar und deutlich.

    „In Liebe“ etwas sagen, heißt nun für mich:
    Deutlich und klar sein (muss ich noch weiter lernen) – aber den anderen dabei als Geschöpf Gottes achten und wertschätzen und nicht „von oben“ herab.

    Frieden!

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  2. Danke für diesen Post, Charly..

    Tut einfach nur gut…

    Das Übelkeitsgefühl hab ich auch so manches Mal – es dreht mir geradewegs den Magen um, wenn von Liiiiieeebe geredet wird..
    Passt nicht wirklich zum Wesen Jesu….

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  3. Wenn ich solche Artikel, wie diesen (Link) über „christlicher Individualismus“ lese, bewegt mich ähnliches, wie bei dem Ausdruck „Etwas in Liebe sagen“. Hier wird Individualismus als etwas extrem sündhaftes beschrieben – was so niemals ernsthaft aus dem Wort Gottes belegt werden kann – und letztlich nur massiv Druck auf Gläubige ausgeübt, die nicht so wollen, wie Pastor sich das vorstellt 😦

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  4. Charly, ich habe heute ähnliches gedacht wie Du..
    Meine Gedanken dabei waren:

    Erst wenn wir unsere von Gott gegebene Individualität anerkennen und anfangen dazu zu stehen – wozu ein unbedingtes Abgrenzen von unserer Umwelt und deren Erwartungen und das Einstehen für unsere Empfindungen etc gehört, werden wir gemeinschaftsfähig.
    Nur dann, können wir die Einheit, nach der so viele rufen erst leben.
    Alles andere ist purer Zwang!

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  5. Das perfide ist in diesem Blog ja, dass der Betreiber und Autor des Artikels sämtliche Kommentare löscht, die seine Sicht allzu sehr in Frage stellen. So ensteht der Eindruck das auch ein solcher Artikel nur positiv gesehen wird. Auch ein Weg eine dieser unerträglichen Harmonien vorzugaukeln. Das alles währe der Betrachtung nicht wert, wenn nicht genau solches Verhalten in so vielen Gemeinden Tagesordnung wäre.

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  6. der Blogartikel spricht mir aus der Seele. Dass liebende Ermahnung nicht nur in rosarote Watte gefüllte Worte ist, wird oft nicht begriffen. Selbst so eindrückliche Vergleiche, wie die von Dir genannten, wollen dann nicht einleuchten… Manchmal einfach nur ein Trauerspiel…

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