Schimpfen – muss das sein?

Streit
© rico kühnel / pixelio.de

Ok, Schimpfen – das ist natürlich kein Thema für Christen …. sowas tun Christen ja nicht… oder? 😉

Für alle anderen mag eine Sendung vom Radiosender WDR5 „Hallo Ü-Wagen“ vom 21.02.09 interessant sein:

„Verdammt noch mal, muss das sein? Schimpfen“
(Podcast nur begrenzte Zeit verfügbar)

Es entlastet – ein Ventil der Seele
Manche schimpfen in Momenten wo sie mit sich alleine sind kräftig vor sich hin. Das sind Momente, wo ein innerer Druck heraus kann und die Seele etwas entlastet wird. Da stellt sich schon die Frage, ob es wirklich schlimm ist, so etwas zu tun. Auch im Auto am Steuer neigen Manche dazu ihren Unmut lautstark Luft zu machen. Das ist wohl ein ähnliches Phänomen wie das mit dem Finger in der Nase bohren an der Ampel. Das Auto als Intimraum, in dem uns nicht immer so klar ist, dass die Umwelt uns zumindest sehen kann.

In Momenten starker innerer Anspannung ist es sehr natürlich z.B. durch Schimpfen die Spannung abzulassen. Es ist nicht wirklich nur eine menschliche Eigenschaft. Besitzer von Hunden und Katzen kennen ähnliches auch von ihren tierischen Mitbewohnern. Ein kurzes knurren, bellen, fauchen und schon ist es wieder gut.

Häufig ist das Schimpfen auch ein Ventil in angespannten Beziehungssituationen. Hier ist das Schimpfen schon schwieriger, bzw. der Umgang damit.

Schimpfen als Gesellschaftsspiel
In orientalischen und arabischen Kulturen gibt es das Schimpfen als Gesellschaftsspiel. Hier wird sehr deutlich, dass es sehr darum geht, wie man es macht. Bei den in der Radiosendung angeführten Beispielen würde mir das Verständnis recht schnell vergehen – aber in diesen Kulturen ist das so noch akzeptabel. Es geht also darum zu schimpfen, ohne den in der Gesellschaft / in der Zweierschaft akzeptierten Rahmen zu verlassen.Tatsächlich gab es solche Gesellschaftsspiele auch in unserer Kultur lange Zeit und solches ist durchaus wieder unter Jugendlichen mehr zu beobachten.

Peinliche Momente
Natürlich ist Schimpfen nicht nur Gesellschaftsspiel, sondern oft ein Angriff an ein Gegenüber. Wie geht man damit um als Beschimpfter? Funktioniert eine Schimpfkultur unter Partnern ohne wirklich schädlich zu sein? Nicht nur der der beschimpft wird erlebt dabei peinliche Momente. Viele Schimpfende erfahren nach ihrem Ausbruch ebenso ein peinlich, beschämendes Gefühl. Wer schimpft ist nicht unbedingt glücklich darüber ein Schimpfer zu sein. Durch die Peinlichkeit kann die Kommunikation ersticken. Ein selbstbewusster Umgang mit dem Schimpfen kann allerdings auch zu einem echten „reinigenden Gewitter“ helfen – dabei helfen zwischen Partnern oder Mitmenschen Spannungen abzubauen und wieder neu auf eine neutralere Position zueinander zurück zu finden.

Schimpfen über das Schimpfen
Ein nicht seltener Fehler ist das schimpfen darüber, dass das Gegenüber geschimpft hat. Hat das Schimpfen die Funktion eines Ablassventil, ist es eher kontraproduktiv für die positive Kommunikation dieses Schimpfen als Gegenstand der Kritik am Anderen zu machen. Muss der Schimpfer sich beständig dafür rechtfertigen, dass er schimpft, baut sich hierdurch erst recht neuer Druck auf und erstickt jede weitere konstruktive Kommunikation.

Da hilft es eigentlich recht wenig, wenn in der Kultur von Gruppen das Schimpfen völlig tabuisiert wird. Dieses Tabu wird ja sogar als Machtmittel benutzt um die gesellschaftliche Position des Einzelnen festzustellen. Es kommt z.B. nicht gut, wenn ein Angestellter seinen Chef anschimpft, geschweige denn wenn es einem Rekruten einfallen sollte seinen Feldwebel anzuschimpfen.
Hier stelle ich auch die Frage: wie sinnvoll das Schimpf-Tabu unter Christen eigentlich ist?

Destruktiv für sich selbst und andere
Klar, der kreative Umgang mit dem Schimpfen muss beiderseits gekonnt sein. Dazu gehören durchaus solche Dinge wie ein starkes Selbstbewusstsein, als auch die Fähigkeit seinen Zorn wieder ablegen zu können.
Das Schimpfen ist nicht nur ein Ventil inneren Druck abzulassen, sondern oft auch ein Ausdruck von Schwäche, Hilflosigkeit, Arroganz oder Dominanz. Wenn das Schimpfen in diesem Rahmen bleibt, wird es verletzend. Denn so öffnet das Schimpfen keine weitere Kommunikation sondern hat den Zweck eine weitere Kommunikation zu beenden.

Hier wird deutlich, dass es gut ist zum einen Schimpfen zu lernen (als Gesellschaftsspiel z.B.) und zu erkennen, was die eigenen Motive des Schimpfen sind. Es wird auch deutlich, dass im Schimpfen durchaus ein destruktives Potential steckt, dass nicht missachtet werden darf.

Tatsächlich finden wir sogar im Neuen Testament eine Aussage, die uns zeigt, dass zu Zürnen – und dabei evtl. zu schimpfen – nicht gleich Sünde ist:
Epheser 4:26 Zürnet, und sündigt dabei nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und gebt dem Teufel keinen Raum!
aber auch:
Jakobus 1:19 Ihr wißt doch, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn! 20 Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit. 21 Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und das Übermaß der Schlechtigkeit, und nehmt das eingepflanzte Wort mit Sanftmut auf, das eure Seelen zu erretten vermag!
(Rev. Elb. Übers.)

Jähzorn oder Luft ablassen
Mir ist es wichtig festzustellen, dass lange nicht Jeder, der schon mal dazu neigt laut zu schimpfen , direkt ein jähzorniger Mensch ist. Jähzorn muss sich tatsächlich nicht einmal in einer hohen Lautstärke oder heftigen Worten äußern. Es gibt auch Jähzorn, der durch seine penetrante, verletzende Art das Opfer zum schimpfenden Ausbruch reizt.

Ein Jähzorniger Mensch hat keine Beherrschung über sein Handeln. Und wer schimpft neigt dazu seine Beherrschung zu verlieren. Er bewegt sich also am Rande der Unbeherrschtheit. Ein „geübter“ Schimpfer hingegen kann leicht seine Beherrschung wieder völlig wiederfinden. Was ein Argument dafür ist, das gemeinsame üben des Schimpfen in der Gesellschaft evtl. zu pflegen.

Wer geschimpft hat, insbesondere wenn er Jemanden beschimpft hat, muss auch die Größe haben sich wieder zu versöhnen – den nächsten Schritt zur Versöhnung zu machen. Wer schimpft muss fähig sein, sich ggf. auch für seinen
Ausbruch zu entschuldigen.

Neu über das Schimpfen nachdenken
Ich meine, es lohnt sich wieder einmal neu über unsere Schimpfkultur nachzudenken. Ganz sicher lohnt es sich, sich selbst, als der Schimpfende, zu reflektieren. Denn das eigene Schimpfen kann durchaus vom Überdruckventil zu einer Autoaggression werden – zu etwas, womit ich mir selbst schade. So wie das Schimpfen ein inneres Ungleichgewicht zum Ausdruck bringt, kann eine anhaltende Haltung des Schimpfen den Schimpfer in ungesunder Weise auf das Destruktive in seinem Leben zu fixieren. Anhaltendes Schimpfen kann verbittern und griesgrämig machen. Stellt man an sich selbst fest oder bekommt man es verstärkt von seinem Umfeld reflektiert, dass man eine anhaltend unangenehme Haltung des Schimpfen hat, sollte man sich hinterfragen was einen da treibt. Nötigenfalls braucht man dafür einen qualifizierten Helfer – einen Therapeuten oder einen guten Seelsorger z.B.

Paare tun gut daran, wenn sie es lernen miteinander zu streiten und das Anliegen des Partners auch hinter dem Schimpfen zu erkennen.
Aber nicht nur unter Paaren ist das eine lohnende Übung. Eine gesunde Streitkultur hilft in allen Beziehungen. Denn Spannungen treten überall auf, wo Menschen aufeinander treffen.

Interessant auch, was in der Sendung über das Schimpfen zwischen Eltern und Kinder erläutert wurde.

Frage:
(Zum mitnehmen und zur Anwendung beim nächsten Ausbruch.)
Was ist der tatsächliche Grund, warum ich gerade geschimpft habe? Was wollte ich damit erreichen?

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

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