Respekt

Respekt
… scheint etwas zu sein, was wieder einer neuen Beachtung wert ist. War früher dieser Begriff hauptsächlich mit Angst verbunden und dem unterwerfen unter höhergestellten Personen der Gesellschaft, hat sich das Verständnis in den heutigen Tagen geändert. Eine einheitliche Definition ist aber nicht vorhanden.

1977 beschrieb der amerikanische Philosoph Stephen L. Darwall in einem Aufsatz zwei Arten von Respekt: den wertschätzenden und den anerkennenden Respekt. Seine Definition wurde seither von anderen übernommen. Die Forscher der Hamburger RespectResearchGroup nennen diese zwei Respektformen zum einen den „horizontalen“ oder „anerkennenden Respekt“ und zum anderen den „vertikalen“ oder „bewertenden Respekt“. Beim „horizontalen Respekt“ muss eine Person nichts erfüllen oder leisten, damit sie respektiert wird. Hier wird dem gegenüber also Respekt allein aufgrund der Tatsache erweisen, dass es existiert. Jedem Menschen oder Lebewesen wird damit eine Achtung gewährt, die auf der Würde des Individuums erbracht werden sollte. Beim „vertikalen Respekt“ handelt es sich um einen verdienten Respekt, den man sich durch sein Verhalten oder seine Leistungen erworben hat.

Horizontaler Respekt
Die Forderung nach Respekt ist immer schon Bestandteil diverser Bewegungen. Seien es Menschenrechtsbewegungen, Bewegungen gegen Rassismus oder auch emanzipatorische Bewegungen.

Respekt vor seinem Gegenüber scheint in unserer Gesellschaft mehr und mehr in den Hintergrund zu treten. Möglicherweise auch deshalb, weil nun schon seit Jahrzehnten der Ruf nach Respekt vor allen und für alles Mögliche so laut ist, werden unsere Ohren und Herzen taub für diese so notwendige Tugend. Im Umgang miteinander scheint gerade der horizontale Respekt zu schwinden. Will man respektiert werden, so soll man zunächst diesen Respekt verdienen. Das fängt oft schon damit an, dass einem erst dann Freundlichkeit begegnet, wenn man sich ihn durch eine selbst zuvor geleistete Freundlichkeit verdient hätte. Nur wo soll hier der Anfang sein? Wenn aufgrund dieser Basis Niemand anfängt freundlich zu sein, wird unterm Strich irgendwann Niemand mehr freundlich sein.

Es zeigt sich, dass es wieder einmal notwendig ist sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, dass jedem Menschen allein aufgrund seiner Existenz bereits Respekt zusteht. Manchmal möchte ich dies so manchem „Servicemitarbeiter“ zurufen, der in der Begegnung mit Kunden völlig überfordert erscheint. Aber auch und besonders solchen Sachbearbeitern öffentlicher Sozialversorgungsstellen, die aufgrund der argen Überlastung dieser Stellen zu vergessen scheinen, dass vor ihnen keine Aktennummer sitzt, sondern ein Mensch.

Dieser horizontale Respekt ist etwas, was uns in unserer zunehmenden egoistischen Gesellschaft verloren zu gehen erscheint. Jeder will diesen Respekt für sich einfordern, aber mir scheint es wird langsam zu einer schweren Übung diesen zunächst selbst anderen zu erweisen.

Vertikaler Respekt
Trennen wir sorgfältig diese beiden Respektformen – und ich finde erst dann – findet die zweite Form des Respekt seine wichtige Rolle unter uns. Wenn normalerweise erst bei herausragenden Taten und Verhalten dieser Respekt gegeben wird, so meine ich, dass schon ein normales Verhalten, welches aber in sich die Achtung und Wertung des gegenüber trägt (also dem horizontalen Respekt Rechnung trägt) schon mit dem vertikalen Respekt begegnet werden sollte. Anderenfalls würden wir dem respektlosen Verhalten Anderen gegenüber dem Status des „Normalen“ zugestehen.

Darüber hinaus finde ich es durchaus beachtenswert, dass diese Form des Respekts erst dann Jemand zusteht, wenn dieser sie durch seine Leistung oder sein Verhalten verdient hat. Zu oft begegnen wir Mitmenschen die immer noch meinen, ihnen stände alleine aufgrund ihrer gesellschaftlichen Aufgabe, aufgrund ihres Berufs oder ähnlichen schon dieser Respekt zu. Das war zwar in der Vergangenheit so, wird Heute aber – meiner Meinung nach völlig zu Recht – mehr und mehr in Frage gestellt. Denn erst wenn Jemand durch die Anwendung des erworbenen Wissens und Fähigkeiten in der Gesellschaft eine dieser förderlichen Arbeit aktiv ist, sollte ihm auch der Respekt zukommen, dass er dieses Wissen und diese Fähigkeiten erworben hat. Alleine dadurch, dass jemand eine gesellschaftliche Stellung innehat, ist aus dem allein noch Niemand Nutznießer dieses Umstands.

Die Trennung macht’s
Mir scheint es oft einen Mangel an gegenseitigem Respekt zu geben, weil vielen der Unterschied zwischen den beiden Respektformen nicht deutlich ist und viel zu oft der Eindruck entsteht, dass Menschen unserer Gesellschaft erst dann Respekt erwiesen wird, wenn sie ganz besonders durch Stellung, Verhalten oder Taten herausstechen. Nicht ganz ohne Ursache erleben wir die starke Zunahme an Mobbing unter Gleichgestellten und Bossing durch Übergeordneten unter uns. Das ist bei weitem nicht nur ein Problem in unserer Arbeitswelt – das durchzieht mehr und mehr alle gesellschaftlichen Gruppen. Gerade auch in den Beziehungen von Ehepartnern und Familien spielt die gegenseitige Respekterbietung eine wichtige Rolle.
Die Beachtung und klare Trennung dieser beiden Respektformen imm Umgang miteinander würde uns sehr gut tun.

Ich beobachte aber auch, dass Missverständnisse auf der Ebene des Respekts nicht alleine durch die Respektgeber auftreten. Nicht selten gehen die Empfänger des Respekts von falschen Voraussetzungen aus. Wenn jemand nur mangelnden oder keinen Respekt aufgrund seiner Leistungen bekommt, bedeutet das eben noch lange nicht, dass er als Mensch deswegen nicht respektiert würde. Hier wird deutlich, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen, wie wir gegenseitigen Respekt so transportieren, dass er auch wahrgenommen wird. Indem wir uns im Umgang miteinender immer wieder darauf besinnen, dass es zwei Formen des Respekts gibt, die wir uns erweisen sollten, fällt es uns leichter mit der fehlenden Anerkennung unserer Leistungen umzugehen.

Respekt – eine christliche Tugend?
Sieht es unter Christen nun besser aus mit der gegenseitigen Respekterweisung? Leider ist meine Erfahrung, dass es auch unter bekennenden Christen, die ihren Glauben sehr ernst nehmen, oft schon an dem horizontalen Respekt fehlt. Die christlichen Gemeinden entarten auch viel zu oft zu Gruppen, in denen man Anerkennung und Würdigung erst durch außerordentliche Leistung erfährt. Viel zu oft erlebt man auch hier den Druck der Uniformität – und sei sie noch so dumm.

Dabei ist der grundsätzliche Respekt vor dem Anderem in der Grundlage des christlichen Glaubens tief verankert. Gott – der der Kern des christlichen Glaubens ist – liebt alle Menschen und ist ihnen positiv zugewandt. Gott liebt jeden Menschen so, dass er bereit war selbst den Preis ihres Fehlverhaltens zu tragen, damit der Weg zur Gemeinschaft zwischen ihm und den Menschen wieder möglich wird. Gott respektiert jeden Menschen und die gesamte Schöpfung. Jesus machte durch sein vorbildhaftes Leben und durch seine Lehren sehr deutlich, wie sehr die Liebe zum Nächsten – welche deutlich mehr ist als nur eine reine Respekterweisung – zum Wesen des gnadenerfüllten Christen gehört. Er ging sogar soweit zu sagen, dass die Welt die Christen nicht durch Riten, Versammlungsbesuchen oder gar Bekleidungsvorschriften erkennen wird, sondern an der unter ihnen gelebten Liebe zueinander. Was aber sieht die Welt unter uns Christen, wenn manches Mal schon der horizontale Respekt unter Christen nicht erwiesen wird oder keine Trennung zwischen den beiden Respektformen geschieht?

Übungssache
Ich gebe es gerne zu: auch ich bin nicht davon ausgenommen beständig daran zu arbeiten, wie ich anderen begegne und ihnen Respekt erweise. Im Nachdenken über dieses Thema und dem erspüren, wie weh nicht erfahrener Respekt tut, besinne ich mich immer wieder neu mit wechselndem Erfolg darauf anderen zunächst im „horizontalen“ Respekt zu begegnen, bevor ich mir eine Meinung über den zu erteilenden „vertikalen“ Respekt bilde und diesen vermittle. Ich glaube dass es auch Übungssache ist dass ich dazu beitrage, dass in meinem direkten Umfeld respektvoller miteinander umgegangen wird. Fange ich damit an gebe ich meinem Gegenüber die Gelegenheit mir auch mit dem Respekt zu begegnen, nach dem ich ja auch Verlangen habe. Unsere tendenzielle Gesellschaftsentwicklung macht dies nicht einfach, aber schwimmen wir doch hier einfach gegen den Strom.

Zum Abschluss noch eine angenehme Zugabe zum Thema:

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Autor: Charly

Wer bin ich? Kurz gefasst ein Mann, ’60er Baujahr, verheiratet in zweiter Ehe ohne Kinder. Seit 1978 bin ich bekennender Christ, nachdem ich ein Gotteserlebnis hatte. Bei den vielen Schubladen, die sich jetzt anbieten erschaffe ich eine neue und benenne mich als „leidenschaftlicher Christ“ oder „leidenschaftlicher Nachfolger Jesu“.

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